Winterspeck anfuttern in Danzig

Was haben Daniel Gabriel Fahrenheit, Klaus Kinski, Arthur Schopenhauer und Günter Grass gemeinsam? Sie alle sind in Danzig (polnisch: Gdansk) geboren. Falls du das wusstest: Hut ab. Falls nicht: wir wussten es vor unserem Besuch auch nicht.

Von Krakau geht es für uns ganz bequem mit dem Zug Richtung Norden über Warschau bis Danzig. Umsteigen müssen wir nicht. Die Abteile sind relativ leer, alle sind sehr ruhig und wir bekommen sogar gratis Wasser, Tee und Kaffee. Was für ein Luxus! Und das für schlappe 23 Euro pro Person im Expresszug. Die fünf Stunden vergehen wie im Flug. Da darf sich das deutsche Pendant mal ein Stück von abschneiden…

Hier siehts aus wie in Skandinavien 

In Danzig ist es kälter als in Krakau. Von der Ostsee steigt kalte und vor allem feuchte Luft in die Gassen. Aber wir finden es trotzdem total gemütlich. Alles ist bedeutend kleiner und weniger weitläufig als in Krakau. Die Altstadt durchqueren wir in nur 30 Minuten. Immer wieder bleiben wir stehen und schauen die schmalen Häuser hinauf. Die ehemalige Hansestadt hat im Zweiten Weltkrieg etwa 90% ihrer Bausubstanz verloren. Wenn wir das nicht wüssten, würden wir es nicht bemerken. Alles wurde liebevoll und originalgetreu rekonstruiert. Wie viele polnische Städte hat Danzig schon viel durchgemacht. Die Geschichte füllt ganze Bücher, hier die Kurzversion: Besiedlung durch verschiedene Völker, wie Wikinger und Slawen, 1224 erste Stadtgründung, Deutscher Orden, preußische Hansestadt, freie Stadtrepublik unter Polen und später unter Preußen, seit 1920 freie Stadt Danzig, Zweiter Weltkrieg, Wiederaufbau.

Besonders fotogen ist die Frauengasse. Hier wird überall Bernstein verkauft – das Gold der Ostsee, gemütliche Cafés reihen sich aneinander und am Abend funkeln die Weihnachtslichter in den Bäumen. Der Lange Markt ist das Herz der Stadt, er wird gesäumt von verschiedenen Toren wie z.B. dem Grünen Tor, dem Rathaus und dem Neptunbrunnen. Auch hier empfehlen wir jedem, der mehr über Geschichte und Kultur erfahren möchte, sich einer Walkative Tour anzuschließen.

Himmelblau vs. Nebelschwaden

Die Marienkirche ist die größte mittelalterliche Backsteinkirche der Welt. Die Maße sind gigantisch – 105m Länge, 66m Breite und 82m Höhe. Etwa 25.000 Menschen passen in das mächtige Gebäude. Der Bau dauerte 59 Jahre, wundern tut das keinen. In der Kirche befinden sich viele Grabplatten von Bürgern und vor allem Geistlichen. Im Januar 2019 fiel der beliebte Stadtpräsident Paweł Adamowicz einem Messerattentat zum Opfer. Auch seine Urne kann hier besucht werden.

Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau und wir schniefen, als wir die 409 Stufen zum Kirchturm hinaufgehen. Die Anstrengung lohnt sich! Der 360 Grad Ausblick ist fantastisch. Wir sehen die Weichsel, die vielen schmalen Häuser der Altstadt, die Ostsee und viele Stadtparks.

Die meist fotografierte Sehenswürdigkeit der Stadt ist das Krantor. Auch wir kennen es von Bildern. Ein massiver Holzbau auf einem Steintor direkt an der Weichsel. Wir müssen allerdings ziemlich nah rangehen, um es überhaupt zu erkennen. Der Nebel ist an diesem Tag ganz besonders dick. Mit Piratenschiff im Hintergrund hat das aber auch was. Das Krantor dient einerseits als Tor und andererseits als Hebewerk, also als mittelalterlicher Kran. Im Inneren befinden sich zwei „Hamsterräder“. Die Hebefunktion wurde damals durch Menschenkraft angetrieben.

Danzig selbst hat zwar einen Stadtstrand, wir sind mit der S-Bahn allerdings Richtung Nordwesten ins Ostseebad Sopot gefahren. Das dauert nur etwa 20 Minuten. Wir saugen die salzige Luft ein und beobachten die seichten Wellen. Das Kreischen der Möwen begleitet uns entlang der größten Seebrücke der Welt. Die Abendsonne taucht das Meer und den Strand in warme Töne. Urlaub für die Seele.

Winterspeck anfressen

Mittlerweile kennt ihr uns ganz gut – wir essen gerne, geben gerne mehr Geld für gutes Essen aus und testen möglichst viele vegane Spots. So auch in Danzig. Die Auswahl ist nicht ganz so vielfältig wie in Krakau, aber wir kommen voll auf unsere Kosten. Unsere Empfehlungen:

  • Drukarnia: Hippes Café in einer ehemaligen Druckerei in der Frauengasse mit veganen Frühstücksoptionen – die Smoothie Bowl ist besonders zu empfehlen. Sie bieten sogar Aeropress Kaffee an.
  • Retro Café: Gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre und richtig leckere herzhaft belegte Brote und ausgefallene Oatmeal Variationen.
  • Pierogarnia Mandu: Piroggen! Sowohl gedünstet als auch fritiert. Wir mussten uns raus kugeln – so voll waren wir.
  • Manna 68: Vegetarisches Restaurant, alles kann auch in vegan zubereitet werden. Besonders zu empfehlen: das Fondue und der Brownie (göttlich!).
  • Guga Spicy: Wir haben hier zu zweit das Shabu Shabu genommen – man kreiert seine eigene japanische Suppe und die extrem geile Gemüsebrühe köchelt direkt am Tisch vor sich hin. Unbedingt mindestens einen roh-veganen Kuchen als Nachtisch ausprobieren.
  • Straße Wajdeloty im Studentenviertel: Hier gibt es so einiges, was das vegane Herz begehrt! Das gemütliche Fukafe mit leckeren Kaffeevariationen, den Avocado Spot mit gesundem Mittagstisch, eine Seitanmanufaktur House of Seitan und kleine Bioläden. Alles komplett vegan.

Auch in Danzig gibt es noch viel zu sehen. Beispielsweise die Westerplatte – die Halbinsel auf der am 1. September 1939 der offizielle Beginn des Zweiten Weltkriegs eingeleitet wurde. Aber es ist kalt, wir gehen jeden Tag in die Hotelsauna, verbringen unsere Nachmittage in gemütlichen Cafés, lassen die Seele baumeln. Die Geschichte Polens kann erschlagend wirken, alles kann man nicht innerhalb eines Urlaubs aufnehmen. Aber jetzt, wo wir uns irgendwie in unser Nachbarland verguckt haben, wissen wir, dass wir nochmal einen Abstecher nach Polen machen werden.

Danzig Riesenrad

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