Geschichtsunterricht zum Anfassen in Krakau

Warum waren wir eigentlich noch nie gemeinsam in Polen? Das ist doch gar nicht weit weg. Das haben wir uns vor einigen Wochen gefragt. Und schwupps nach kurzer Recherche waren die Flixbus-Tickets nach Krakau gebucht. Von Berlin dauert die Fahrt rund acht Stunden. Nun stellt sich die nächste Frage: Was gibt’s denn da eigentlich so zu sehen?

Viel gibts zu sehen!

Schon von Weitem sehen wir die Wawel-Burg. Sie prangt über der Stadt, denn sie befindet sich auf dem gleichnamigen Wawel-Hügel. Manchmal wird sie auch als Wawel-Kathedrale bezeichnet. Verschiedene prachtvolle Bauten schmücken die 20m Erhöhung. Sie erhebt sich majestätisch über die Weichsel. Früher lebten hier Monarchen, 1.000 Jahre hat die Kathedrale auf dem Buckel. An dem Bau (linkes Foto) ist gut zu erkennen, wie die verschiedenen Baustile kombiniert wurden: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Art déco (v.l.n.r.). Am Abend haben wir das Glück, dass die Burg von der untergehenden Sonne in die schönsten Farben getaucht wird.

Da ist der Trompeter

In Krakau befindet sich der größte mittelalterliche Marktplatz Europas. Mit fast
40.000 m² ist das nicht so einfach zu übertreffen. Er lockt mit einer Vielzahl an Restaurants und Cafés. Kirchen und Paläste umzingeln ihn. Auch die „einfachen“ Wohnhäuser sind total schön, vor allem abends, wenn sie beleuchtet werden. In der Mitte des Platzes befinden sich die Tuchhallen – früher wurden hier, wie der Name schon sagt, Tücher verkauft. Heute gibt es allerlei Souvenirs, ziemlich kitschiges Zeug 😉 Besonders auffällig ist die riesige Marienkirche. Stündlich öffnet sich ein Fenster im Kirchturm und eine kurze Musikeinlage eines Trompeters erklingt. Falls du dich über das abrupte Ende der Musikeinlage wunderst: Das Ganze soll an den tapferen Trompeter erinnern, der beim Versuch die Krakauer vor einem bevorstehenden Tartarenangriff zu warnen, von einem Pfeil getötet wurde. Zur Weihnachtszeit ist der Hauptplatz wunderschön geschmückt und beleuchtet.

Bessere Tage sind gekommen

Nicht allzu weit von der Altstadt Krakaus erstreckt sich das angesagte Viertel Kazimierz. Bis 1800 handelte es sich um eine eigenständige Stadt. Heute ist der Stadtteil rund um den Plac Nowy total alternativ angehaucht. Uns hat es hier super gefallen. So war das allerdings nicht immer, denn Kazimierz hat eine dunkle Geschichte hinter sich.

Um 1500 entstand hier eine jüdische Siedlung umgeben von Mauern. Die Einwohner der Altstadt, die größtenteils christlich waren, hatten nur wenige Berührungspunkte mit den Juden. Kazimierz wurde zum kulturellen und religiösen Zentrum der Juden in Polen. 1497 entstand die erste Synagoge. 1938 flüchteten viele Juden aus dem Deutschen Reich unter NS-Regime nach Krakau. Aber auch die polnische Stadt wurde von der Wehrmacht besetzt. Die jüdische Bevölkerung wurde zunächst ins Krakauer Ghetto Podgórze umgesiedelt. Zu dieser Zeit lebten etwa 65.000 Juden in Krakau. Sie wurden fast alle ermordet. Die meisten, nachdem sie in die Konzentrationslager Belzec, Plaszow und Auschwitz deportiert wurden. Nach dem Krieg kehrten etwa 6.500 Juden zurück nach Krakau, heute leben nur rund 600 Juden in Kazimierz. Ein paar wenige Synagogen sind noch heute zu bewundern. Allerdings sind diese relativ klein und wenig prunkvoll. Das liegt daran, dass die Christen nicht wollten, dass die Synagogen die Kirchen überragen – es gab also sowohl zur Höhe als auch zum Design festgesetzte Regeln.

Auf einem Platz stehen überdimensionierte Stühle, die Richtung Ghetto zeigen. Ein Mahnmal, das an den furchtbaren Holocaust des Zweiten Weltkriegs erinnert. Einer der Stühle ist nicht in Richtung Ghetto gerichtet, er zeigt zur Oskar Schindler Fabrik. Die Geschichte von Oskar Schindler ist spätestens seit Spielbergs Klassiker „Schindlers Liste“ wohl den meisten ein Begriff. Wir empfehlen sowohl für die Altstadt als auch für Kazimierz eine Free Walking Tour mit Walkative Krakow. Ohne die beiden Touren hätten wir nie so viel über die bewegte Geschichte Krakaus erfahren.

Auschwitz-Birkenau

Gerade Menschen, die in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, wissen viel über die Geschichte des 2. Weltkriegs. Aber dann da so live zu stehen. Schon krass. Dieser Ort war nicht nur ein Konzentrationslager, sondern vor allem Vernichtungslager. Von 1940 bis 1945 wurden hier rund 1,5 Millionen Menschen getötet, 90% davon Juden. Wahnsinn – für uns kaum vorstellbar. Letztendlich sind das „nur“ Zahlen und die Grausamkeiten, die uns unser Guide aufzeigt, nur Worte. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass hinter diesen Zahlen und Worten individuelle Menschen mit individuellen Geschichten stehen.

Nachdem die Häftlinge massenweise mit der Eisenbahn Richtung Auschwitz transportiert wurden, lagen nur noch wenige Schritte zwischen ihnen und ihrem Tod durch das Giftgas Zyklon B. Am Anfang des Krieges wurden die Menschen erschossen. Das war allerdings nicht effizient genug, außerdem verbrauchte es Unmengen an Munition. In eine Gaskammer passten hunderte Menschen – industrialisierter Massenmord. Die Gaskammern wurden kurz vor der Befreiung gesprengt, so hinterließen die Nazis weniger Beweise für ihre Gräueltaten.

Der Nebel am Tag unseres Besuchs macht die Stimmung noch gruseliger. Nach der Tour fühlen wir uns insbesondere als Deutsche ziemlich bedrückt. Wir hoffen, dass dieses Stück Geschichte niemals vergessen wird.

Den besten und günstigsten Ausblick über Krakau gibt’s vom Krakau Mound. Da braucht man sich also kein Hochhaus oder irgend eine andere Aussichtsplattform suchen. Wir sind mit der Tram gefahren und von dort kann man vorbei an einem riesigen Friedhof direkt zu dem kleinen Hügel wandern.

Bäuche vollschlagen ist hier einfach

Krakau ist unglaublich vielfältig in Sachen Essen. Auch vegan sind wir voll und ganz auf unsere Kosten gekommen. Unbedingt probieren musst du die Zapiekankas auf dem Plac Nowy – sogar mit richtig geilem veganen Käse. Letztendlich sind das Baguettes, ähnlich wie die französische Version Croque. Zwischendurch gab’s immer mal wieder ein Stück Kuchen, denn die Cafés sind vor allem in der Altstadt sehr einladend.

Ein paar Empfehlungen von unserer Seite:

  • Café Manggha – mal ein japanisches Frühstück mit Blick über die Weichsel und die Wawel-Burg.
  • Coffee Garden – wie der Name schon sagt, hier fühlt man sich wie im Dschungel. Unzählige Pflanzen zieren das gemütliche Café mitten in Kazimierz.
  • Moja Café – hier wird man auf jeden Fall satt. Die vegane Platte inklusive Smoothie Bowl oder die veganen Pancakes können wir nur empfehlen.
  • Pierogowy Raj – leckere Piroggen mit den verschiedensten Füllungen.
  • Sufeat – unser persönlicher Favorit! Polnische Küche ganz in vegan. Die Portionen sind groß und perfekt gewürzt.
  • Veganic – ein wunderschön eingerichtetes vegetarisch-veganes Restaurant im Studentenviertel Krakaus. Die Gerichte sind ausgefallen und die Geschmacksnuancen nicht alltäglich.

Wir wären gerne noch etwas länger in der Stadt geblieben. Es gibt noch viel zu entdecken. Aber für uns geht es erstmal weiter Richtung polnische Ostsee.

Bis bald Krakau!

Krakau bei Nacht

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