Abschied nehmen in Lahore

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Schweren Herzens haben wir uns von der Naturschönheit Pakistans verabschiedet. Das wunderbare Swat Tal war unser letzter Stopp im Grünen. Die erste und letzte komfortable Busfahrt unserer gesamten Reise führt uns von Mingora nach Islamabad. Hier werden wir von unseren beiden Freunden aus Abbottabad vom Busbahnhof abgeholt. Sie haben uns sogar ein Zimmer in einem schönen Hotel gebucht und bezahlt. Wie wir die beiden kennengelernt haben, kannst du hier nachlesen. Gemeinsam geht es in ein libanesisches Restaurant, wo wir uns an Falafel, frischen Salaten, Pita Brot, Baba Ganoush und Hummus satt essen. Wir freuen uns über das Essen wie zwei kleine Kinder.

Islamabad hatten wir uns bereits zu Beginn unserer Reise angeschaut. Jetzt nehmen uns unsere Freunde mit in eine andere Welt, die uns bisher verborgen blieb. Wir cruisen durch die Bahria Towns – eingezäunte Wohnkomplexe, welche von den Besserverdienern bewohnt werden. Wir können unseren Augen kaum glauben! Moment, sind wir in Los Angeles? Nein? Krass! Das ist definitiv nicht das Pakistan, was wir in den letzten Wochen kennengelernt haben. Wir staunen, aber wir finden es nach den Bildern aus dem Swat Tal fast ein wenig verstörend. Teure Boutiquen, luxuriöse Hotels, schicke Restaurants und riesige Villen schlagen uns all diesen Reichtum quasi ins Gesicht. Und wir mittendrin mit unseren Freunden und lauter Musik, die aus den Autoboxen dröhnt.

Die Erde bebt

Am nächsten Morgen sollte es mit dem Bus weitergehen Richtung Lahore. Die Fahrt bleibt uns erspart. Unsere beiden Freunde müssen geschäftlich sowieso in die Stadt. Also geht es zu viert weiter. Wir genießen die interessanten Gespräche, die indische Musik und den ausladenden Platz auf der Rückbank des Autos. Nach nur drei Stunden erreichen wir Lahore. Der Verkehr ist erdrückend und chaotisch. Die einzige Regel, die hier gilt: Fakten schaffen! 11 Millionen Menschen leben tagtäglich in diesem Chaos, wir brauchen schon nach ein paar Minuten eine Pause. Wir kommen im Hostel im alten Teil der Stadt an, fühlen uns leider gar nicht wohl. Es ist laut, die durchgelegenen Betten wurden lange nicht neu bezogen und es gibt keine Vorhänge. Wir entscheiden uns, nur eine Nacht zu bleiben. Während wir ein wenig chillen, fährt plötzlich ein LKW in das Gebäude. Oder Moment, was war das? Es rumst, das Hostel wackelt. Ein anderer Gast klopft an unsere Tür und fragt, ob wir das Erdbeben auch gespürt haben. Haben wir! Später steht es auch groß in den Schlagzeilen. Mit einer Stärke von 5,7 trifft es viele Familien, 41 Menschen lassen in der Region Azad Kashmir ihr Leben.

Überspitzte Rituale

Wir sind mit unseren Abbottabad Freunden verabredet, um zur Wagah Grenze zu fahren. Wir schaffen es nicht bis zu ihnen, da wir an einem Polizei-Checkpoint festgehalten werden. Immer hatten wir unzählige Kopien unserer Reisepässe und der Visa dabei. Immer hat das ausgereicht. Ausgerechnet heute wollen die Polizisten die Originale sehen. Wir haben keine dabei, sie liegen im Hotel. Unsere Freunde retten uns aus der Situation – politische Ämter verschaffen einem auch in Pakistan gewisse Vorteile und wir kennen anscheinend die richtigen Leute 😉 Wir rasen zur Grenze und schaffen es rechtzeitig zur Zeremonie. Allabendlich gegen 17 Uhr werden auf beiden Seiten Militärparaden der Grenzsoldaten abgehalten. Eine Signaltrompete ertönt, wilde Tänzer heizen das Publikum ein und Flaggen werden gehisst. Selbst für militärische Verhältnisse kommt dieses Ritual ganz schön übertrieben daher. Auf der pakistanischen Seite sind bedeutend weniger Menschen, was ganz einfach daran liegt, dass auf der indischen Seite hunderte Touristen sitzen. Laut ist es trotzdem, wir jubeln mit. Die Stimmung ist geladen und friedlich. Das ist vor allem in Hinblick auf die angespannte Lage zwischen den beiden Ländern eine schöne Feststellung für uns.

Auf ins schillernde Leben

Am nächsten Morgen ziehen wir um. Es zieht uns ins gediegenere Gulberg. Wir brauchen gerade einfach mehr Ruhe, weniger Chaos und Restaurants statt Straßenständen. In dem hippen Stadtteil können wir vor allem das Thanda Garam Café empfehlen. Dieses wird von Frauen geführt, was eine absolute Seltenheit darstellt, zudem ist das Essen köstlich. Alex freut sich über Kaffee, der frisch gebrüht wird. Die MM Alam Road in Gulberg ist das Zuhause der High Society. Vor allem abends blüht die Straße auf. Unzählige Designerläden, schicke Restaurants und Sternehotels säumen die Straßen und sind übertrieben beleuchtet. Alles nicht unser Ding, aber faszinieren tut es uns irgendwie doch.

Ein paar bekannte Gesichter, die uns per Anhalter vor ein paar Wochen mit nach Fairy Meadows genommen haben, dürfen wir auch wiedersehen. Sie laden uns zu einem Abendessen ein. Wir hauen so richtig rein und genießen den Abend. Zum Abschluss gibt es noch ein ganz typisches Dessert namens Falooda aus Milch, Vermicelli Nudeln und Eiscreme. Außerdem schwimmen Eiswürfel in der „Suppe“. Schmeckt seltsam, aber nicht unbedingt schlecht. Die nächsten Tage habe vor allem ich noch viel Spaß mit dieser außergewöhnlichen Nachspeise – ihr versteht, was ich meine. Somit verlaufen unsere letzten beiden Tage in Lahore leider anders als geplant. Wir schaffen es nicht, unsere beiden Freunde zu verabschieden, wir schauen uns nicht den berühmten Sufi Tanz an und schaffen es gerade noch so aus dem Hotel, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu bestaunen.

Wir kämpfen uns durch

Die Badshahi Moschee gehört definitiv zu unserem Highlight der Stadt. Zum Sonnenaufgang schaffen wir es leider nicht, aber sie gar nicht zu besuchen, kommt nicht in Frage. Ich kämpfe mit der Hitze der Stadt. Die ruckelige Tuk Tuk Fahrt ist anstrengend, die Abgase und das laute Hupen machen den Ausflug zu einer Herausforderung. Wir schaffen es. Und bereuen tun wir es auf gar keinen Fall. Die Moschee strahlt trotz grauen Wolken – das wunderschöne Rot und die riesigen weißen Zwiebeltürme leuchten uns entgegen. Wir wandern barfuß durch die warmen Pfützen.

Auch das neben der Moschee liegende Lahore Fort durchqueren wir. Es befindet sich innerhalb der ummauerten Altstadt. Die Anlage geht auf den berühmten Mogulherrscher Akbar zurück und entstand in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Auch der Spiegelsaal beeindruckt. Aber das bisschen Sightseeing ist schon zu viel. Die Lebensmittelinfektion ordert uns zurück ins Hotel.

An unserem letzten Tag raffen wir uns auf und machen einen kurzen Abstecher in die Altstadt. Hier laufen wir durch das Delhi Tor direkt ins Gewusel. Wir finden es immer wieder spannend, einfach in das Geschehen einzutauchen. Ganz einfach ist das hier aufgrund unserer Äußerlichkeiten nicht. Wir geben uns größte Mühe, aber auch hier werden wir von allen Seiten angestarrt, angelächelt und gegrüßt. Einige Verkäufer wünschen sich sogar, dass wir Fotos von ihnen machen.

Die Wazir Khan Moschee inmitten der Gassen ragt in den Himmel. Sie wirkt nicht so majestätisch wie die Badshahi Moschee. Aber ihre vielen Fliesen und Koransprüche zieren die Wände. Sie sieht aus wie ein riesiges Mosaik. Da es Freitag ist, kommen wir gerade zum Gebet und beobachten die vielen betenden Männer aus der Ferne. Später dürfen auch wir auf den Innenhof und saugen das letzte bisschen Kultur in uns auf.

Der Abschied von diesem unsagbar faszinierenden Land fällt uns aufgrund unserer körperlichen Verfassung etwas leichter. Wir sind aber auch jetzt noch sprachlos über all die Herzlichkeit der Bevölkerung. Wir haben so viele unglaublich hilfsbereite Menschen kennengelernt und hoffen so sehr, dass wir einige von ihnen wiedersehen dürfen. Und vor allem wünschen wir uns, dass einige von ihnen auch uns einmal besuchen kommen, damit wir sie endlich auf einen Tee einladen dürfen. Inshallah (So Gott will).

 

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