Friedliche Atmosphäre im Swat Tal

am

Die Anreise in das Tal gleicht wie immer einer halben Weltreise. Mit einem Auto geht es zu fünft von Chitral im Kalash Tal nach Timergara. Der Fahrer tritt das Gaspedal durch, wir sausen über die Straßen. Die Bremse betätigt er sporadisch, quasi nur im Notfall. Während der Mittagspause bekommen wir mal wieder nicht die Chance unser Essen selbst zu bezahlen, da Abdul, einer unserer Mitfahrer, uns als seine Gäste begrüßt. Von Timergara nehmen wir einen Minibus bis Mingora, die größte Stadt im Swat Tal. Wurden wir vorher angestarrt, werden wir hier mit Blicken durchbohrt. Menschentrauben versammeln sich in Sekundenschnelle um uns. Im Hotel können wir ein wenig Luft holen. Die Menschen sind zwar freundlich, aber ab und an wird es auch uns ein wenig zu viel. Am nächsten Tag geht die Reise auch schon weiter, denn in Mingora hält uns nichts. Es ist laut, dreckig und dicke Abgase hängen in der Luft. Mit einem Minibus geht es nach Madyen und damit tiefer in das Swat Tal. Von dort möchten wir weiter nach Beshigram. Dank eines Tipps haben wir von einem schönen Campingplatz gehört. Es ist Freitag, islamischer Gebetstag. So müssen wir in Madyen lange auf die Weiterfahrt warten. Ein Arzt lädt uns währenddessen in die städtische Privatklinik ein. Stolz werden wir durch die Räumlichkeiten geführt und am Ende gibt es sogar noch Tee. Only in Pakistan… 🙂

Getarnte Kakis

Die Camping Pods im kleinen Dorf Beshigram sind komfortabler als erwartet. Zwei gemütliche Betten, angenehmes Licht und eine saubere Außentoilette warten auf uns. Nur mit dem Englisch klappt es hier so gar nicht. Niemand versteht uns, nicht ein einziges Wort. Selbst der Check-In wird zur Herausforderung. Schließlich können wir uns doch irgendwie verständigen – Mimik und vor allem Gestik helfen. Es ist Zeit zum Entspannen – wir spielen Karten, lesen und sitzen zwischen den bewaldeten Bergen. Von allen Seiten hören wir den Muezzin, sowohl aus dem Tal unten als auch vom Berghang weiter oben. Die Stimmung gefällt uns hier gut. Wir sind die einzigen Gäste. In der Dämmerung fliegen riesige Fledermäuse über unsere Köpfe. Sobald die Sonne untergeht, wird es kalt. Wir kuscheln uns in unsere Betten.

Die Umgebung eignet sich für ausgedehnte Spaziergänge. Wir wandern einfach Richtung Berg und nach einigen Kilometern tut sich uns ein herrlicher Blick über das Tal auf. Swat ist für seine Pfirsiche bekannt, die wir glauben überall zu erspähen. Die Erntezeit haben wir jedoch leider knapp verpasst. Das was wir für Pfirsiche hielten sind bei näherer Betrachtung fast reife Kakis, auch bekannt als Persimone. Haben wir noch nie in freier Wildbahn wachsen sehen. Diese Frucht haben wir so gar nicht mit Pakistan assoziiert. Unsere Gastgeber versorgen uns mit frischen Birnen, Äpfeln und Guaven. An Vitaminen fehlt es uns hier auf jeden Fall nicht.

Die jüngste Nobelpreisträgerin

Vor gut zehn Jahren hat es gar keine Touristen in diesen Teil des Landes gezogen. Denn von Oktober 2007 bis Mai 2009 war das gesamte Tal von den Taliban besetzt. Kinos, Musik und jegliches Entertainment wurden verboten. Barbiere erhielten Morddrohungen, da Bartlose als Ungläubige galten. Mädchenschulen wurden niedergebrannt, Frauen ohne vollständige Verschleierung verprügelt und Menschen auf offener Straße geköpft. Kurz darauf im Jahr 2010 kam die nächste Katastrophe: eine Überschwemmung. Wie unfair sich all das anfühlen muss, können wir nur erahnen. Hier ist die Armut deutlich spürbarer – Zeltlager säumen die Straßen. Bettelnde Kinder halten die Hände auf, ziehen immer wieder an meinen Ärmeln. Der Kontrast zu Gilgit Baltistan im Norden könnte kaum größer sein.

Die wohl bekannteste Persönlichkeit aus dem Swat Tal wurde am 2. Oktober 2012 von einem Taliban angeschossen. Sie saß in einem Schulbus, die Schüsse trafen genau in ihren Kopf. Sie überlebte – ein Wunder. Wir reden von der Aktivistin Malala, die im Jahr 2014 zur jüngsten Friedensnobelpreisträgerin gekürt wurde. Die zerrüttete Vergangenheit schwebt in der Luft, aber ein Hauch von Optimismus hat sich dazugesellt. Aufschwung steht in den Startlöchern. Wir hoffen, dass die Region sich weiterhin in eine bessere Richtung entwickelt. Es ist so schön hier und die Menschen so offen und neugierig.

Im Swat Tal herrscht eine strengere Form des Islam, die Zeit der Taliban hat dies deutlich verstärkt. Frauengesichter sind eine absolute Seltenheit. Selbst Kinder tragen Burkas und wir erhaschen nicht einmal einen Blick auf ihre Augen. Gespenstisch schreiten sie durch die Straßen. Für uns ist das sehr gewöhnungsbedürftig, für die Menschen hier ein alltäglicher Anblick. Und während im Norden des Landes generell sehr wenige Frauen überhaupt ihre Häuser verlassen, mischen sich im Swat Tal viele Frauen unter das Volk. Sie gehen einkaufen, machen Erledigungen und bewegen sich normal durch das öffentliche Leben. In ihren Burkas sind sie geschützt, weniger ausgeliefert. Einerseits sehen wir das als bedeutenden Fortschritt, andererseits löst die komplette Verschleierung Unbehagen in uns aus.

Europa: so nah und doch so fern

An unserem letzten Tag in Swat geht es gemeinsam mit Ihsan und Rashid zum Berg Gabin Jabba. Ihsan hat vor einigen Jahren „Swat Valley Backpackers“ gegründet und hilft Backpackern wie uns bei der Planung im Swat Tal. Er gibt hilfreiche Tipps und plant Wanderungen, teilweise auch mehrtägige Treks. Wir bleiben nicht lange zu viert. Immer wieder werden wir angesprochen. Eine Schulklasse macht hunderte Fotos mit uns. Aber umso höher wir gehen, desto ruhiger wird es, bis wir am Ende dann doch nur noch zu viert unterwegs sind. Obwohl graue Wolken über den Bergen hängen, sieht die Landschaft wunderschön aus, vielleicht auch gerade deswegen.

Einst, vor der Besetzung durch die Taliban, wurde das Tal als die Schweiz Pakistans bezeichnet. Und wenn wir uns so umschauen, ist das ziemlich treffend. Saftig grüne Felder und lichte Nadelwälder auf mittlerer Höhenlage. Die Luft hier ist bedeutend feuchter als im Norden des Landes. Schäfer und ihre Schafherden geben ein idyllisches Bild ab. Wir saugen all diese Eindrücke in uns auf. Es ist unser letzter Stopp in der spektakulären Natur Pakistans, bevor es ins wuselige Lahore geht. Wir wünschen uns, dass dieses Fleckchen Erde seinen Frieden bewahrt.

Ein Kommentar Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s