Verbotener Schnaps beim Kalasha Volk

Heute kommen wir der Grenze zu Afghanistas verdammt nahe. Und krass, wir leben! Ist nämlich alles gar nicht so schlimm, wie die Medien es immer darstellen. Wir haben auch keinen Polizei Escort bekommen, denn diese Zeiten liegen in der Vergangenheit. Aber fangen wir von vorne an…

Dem wachsen graue Haare

Um von Gilgit nach Chitral im Westen des Landes zu kommen, wartet ein langer Reisetag auf uns. Wir nehmen morgens 6 Uhr einen Bus Richtung Mastuj. Der Bus ist klein, alt, ziemlich voll besetzt und nicht ganz so gut isoliert. Dazu später mehr. Die Landschaft, die an unseren Fenstern vorbeizieht, ist wie immer spektakulär. Wir fahren entlang eines Flusses, der sich seinen Weg durch die Täler bahnt. Kurz vor der Frühstückspause ist unser Bus in einen kleinen Unfall verwickelt. Uns passiert nix. Ein entgegenkommendes Fahrzeug transportiert einen Bauzaun. Ungesichert…wie auch sonst?! Zwei Männer auf der Ladefläche halten den Bauzaun. Dieser ist allerdings breiter als eine Fahrbahn und unser Bus ist höher als die meisten Autos. Also knallt der Bauzaun gegen den Dachaufbau des Buses. Durch die Wucht zerrt es die beiden Männer vom Transporter. Der eine fällt auf die Straße, der andere hat eine tiefen Schnitt knapp unterm Auge. Echt Glück gehabt! Die Fahrer schreien sich kurz an und weiter geht die Fahrt. Personalien austauschen für die Versicherung? Welche Versicherung?
Während unserer Pausen werden wir zum Frühstück und mehreren Chais eingeladen. Unser Portemonnaie brauchen wir gar nicht erst rausholen. Ach Pakistan, du bist so herzallerliebst! Nach mehreren Stunden erreichen wir eine Schotterpiste. Auf der geht’s für den Rest der Fahrt weiter durch den Shandur Nationalpark. Die Natur ist karg. Die Berge ragen in den blauen Himmel. Die Fahrt ist zwar holprig und langsam, aber wunderschön. Wären da nicht diese Löcher im Bus! Teilweise atmen wir statt Sauerstoff nur noch Staub. Gegenverkehr bedeutet, dass wir möglichst lange die Luft anhalten müssen. Hat unser Busfahrer zu Beginn der Fahrt noch schwarze Haare sind diese am Ende ergraut. Unsere Haut ist trocken, die Lippen brennen, die Lungen schreien. Wir sehen das höchste Polofeld der Welt. Wir unterhalten uns mit den Mitfahrern. Wir wissen, dass es in diesem Land kaum Luxus gibt und all diese scheinbaren Torturen stören uns nicht mehr. 17 Uhr sind wir endlich in Mastuj und nehmen von dort zu siebt einen Jeep Richtung Chitral. Ein Reifen platzt, es zischt. Der Fahrer und die Insassen wechseln den Reifen. Später halten wir an einer Werkstatt – die Öffnungszeiten lauten „von früh bis spät“ 🙂 Auch ein Erlebnis und alles noch ganz old-school. Der Schlauch wird mithilfe von Feuer geflickt. 23 Uhr haben wir es geschafft und fallen hungrig und todmüde in unsere Betten.

Kleine Pakistan-Kunde

Pakistan beheimatet fünf Provinzen. Balochistan und Sindh liegen südlich. In der Provinz Punjab befinden sich die Hauptstadt Islamabad und Lahore. Chitral befindet sich in Khyber Pakhtunkhwa. Große Teile dieser Provinz gehörten früher zu Afghanistan. Wir kommen gerade aus der Provinz Gilgit Baltistan und die Unterschiede sind massiv. Hier herrscht bedeutend mehr Armut, wir treffen auf viele Menschen mit Behinderung und die Alphabetisierungsrate liegt bei gerade mal 53%. Die Stadt Chitral selbst ist unserer Meinung nach nicht sehenswert. Es ist laut, chaotisch und ein Restaurant zu finden, ist schwierig. Wir werden zum Frühstück eingeladen – die Gastfreundschaft bleibt und dann geht es auch schon weiter ins Kalash Tal, in das kleine Dörfchen Rumbur. Die Jeepfahrt ist aufgrund eines erneuten Besuchs in der Werkstatt länger als gedacht. Wir sitzen zu elft in einem Fahrzeug, dass in Deutschland maximal sechs Personen chauffieren würde. Die typischen LKWs Pakistans rasen an uns vorbei. Die Trucks werden von Hand mit Malerei, Stoffen und Bändern in bunten Farben aufwendig verziert. Ein typisches Schmuckelement bei LKWs ist eine imposante, weit über die Fahrerkabine konstruierte „Krone“. Wir fragen uns, wie schnell man mit diesen Teilen fahren kann, ohne durch das ganze Gewicht in der Kurve umzukippen.

Die sehen ja aus wie wir

In Rumbur übernachten wir bei Engineer (ja das ist sein Name) und seiner Familie. Die Aussicht von der Terrasse ist ein Traum und das Essen, welches Engineers sympathische Frau zubereitet, ist sehr lecker. Das Kalasha Volk ist für uns eine schöne Abwechslung und das vor allem optisch. Sie sind keine Muslime und die Frauen tragen aufwendig verzierte Kleider. Hier fallen wir gar nicht so sehr aus der Reihe – viele Kalasha haben blau-grüne Augen, helleres Haar und hellere Haut. Ihre Abstammung ist bis heute ungeklärt und wird es wohl auch immer bleiben. Viele Historiker meinen, sie stammen aus Südosteuropa. Das Volk, welches über drei benachbarte Täler verteilt lebt, glaubt an mehrere Gottheiten. Zu ihrem Glauben gehören tierische Opfergaben, Ahnenverehrung, Geister und Dämonen. Bei Engineer sitzen wir gemeinsam mit drei weiteren Reisenden im Mondlicht und probieren selbstgebrannten Aprikosenschnaps. Alkohol ist in Pakistan übrigens gesetzlich verboten und wir haben bisher auch keinen gesehen geschweige denn getrunken. Aber im Kalash Tal ist alles ein wenig anders. Während das starke Gebräu unsere Bäuche wärmt, lauschen wir Engineers Geschichten. Er als erster studierter Kalasha hat viele interessante Stories auf Lager und seine mitreißende Lache steckt einfach immer wieder an.

Überlass die Planung den Anderen

Am nächsten Tag möchten wir eine Wanderung durch das Tal machen. Einen Plan haben wir nicht, der wird aber schnell für uns gemacht. Jamsher, ein freundlicher Dorfbewohner, fängt uns ab und nimmt uns mit auf einen Berg zu dem Sommerdomizil seiner Eltern. Es ist ein steiler Marsch durch die Mittagshitze. Aber Jamsher macht Pausen für uns und lädt uns zu seinen Freunden auf einen Tee ein.

Verschwitzt kommen wir bei seinen Eltern an. Sie empfangen uns mit einem Lächeln und frisch gebrühtem Tee. Am schönsten ist jedoch dieser Ausblick! Khyber Pakhtunkhwa ist die waldreichste Provinz Pakistans. Das können wir hier nur unterschreiben. Und da hinten, hinter dem Berg, da ist Afghanistan, 10km Luftlinie. Das Sommerhaus der Eltern ist simpel, das Leben hier oben hart. Die Mutter steht jeden Tag auf dem Feld. Im Winter wird die Ernte ins Tal geschleppt und Jamshers Eltern kehren erst im Frühjahr auf den Berg zurück. Sie sehen alle bedeutend älter aus als sie sind. Die Sonne, der Staub, die harte Arbeit, keine Pflegeprodukte – ein solches Leben können wir uns kaum vorstellen. Bei seiner Cousine werden wir sogar noch auf ein üppiges Mittagessen mit gerade frisch geerntetem Honig eingeladen. Sagt man das so? Geerntet? Er ist jedenfalls extrem gut und hat nichts mit dem gekauften Honig aus Deutschland zu tun. Die Waben essen wir gleich mit. Der Abstieg ist sehr steil. Ich muss mich zwischen Jamsher und Alex am Hang entlang kämpfen. Unten am Fluss sieht es nicht anders aus. Immer wieder rutschen wir von den glatten Felsen. Aber schön ist es inmitten dieser Schlucht schon. Kann man nicht meckern. Wir sind trotzdem froh, als wir wieder auf dem regulären Weg ankommen – dort pflücken wir frische Pfirsiche, Walnüsse und Feigen von den Bäumen. Was für ein Paradies dieses Kalash Tal 🙂

Mit dieser Abendaufnahme von Aiun, einem Nachbardorf von Rumbur, verabschieden wir uns von diesem gefährlichen Ort. Ok, das war Sarkasmus. Wir möchten einfach immer wieder betonen, dass Pakistan ein sicheres Reiseland ist. Angst braucht man hier keine haben. Verläuft man sich? Es wird nicht lange dauern und ein netter Pakistani wird zur Hilfe schreiten. Hat man Durst? Der nächste Chai wartet schon. Nur Luxus, den sucht man hier vergeblich.

Letzter Blick auf das schöne Kalash Tal - Ayun

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. „Keine Sau macht micht an…!“

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  2. Es ist nie so schlimm wie die Medien es darstellen nach dem Motto, eine schlechte Schlagzeile bringt mehr als eine gute. Es ist immer viel schlimmer als die Medien es darstellen, aber in einem ganz anderen Sinn. Das ist Theologie, Michael Wohlfarth

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