Im Angesicht des Killer Mountain

Nachdem wir uns in Gilgit ein wenig ausgeruht haben, brechen wir zum wohl touristischsten Ort Pakistans auf: Fairy Meadows. Die Sonne knallt. Die Straßen sind staubig. Routine stellt sich ein: nach wenigen Minuten hält ein Auto neben uns und wir sitzen mit vier Jungs aus Lahore im Auto und lauschen indischer Musik. Um zu Fairy Meadows zu kommen, fahren wir bis zur Raikot Brücke. Hier möchten wir die Jungs auf einen Tee einladen, aber dazu kommt es nicht. Sie holen ihren Camping Kocher aus dem Kofferraum, suchen uns ein schattiges Plätzchen und laden uns auf einen Self-made Chai ein. Wir sind die Gäste, wir werden eingeladen und nicht andersrum, darauf bestehen alle Pakistanis. Wir hören immer wieder die Worte: „Wenn wir nach Deutschland kommen, dürft ihr uns einladen.“ Ob es wohl jemals dazu kommen wird, ist leider fraglich. Wir wünschen es uns sehr.

Tea Time mit unseren Lahori Anhaltern von Gilgit zur Raikot Brücke

Bloß nicht runterschauen!

Ab der Raikot Brücke beginnt die eigentliche Tortur. Wir müssen nach Tato kommen, von wo die Wanderung zur sogenannten „Märchenwiese“ startet. Die Straße ist gefährlich, das wurde uns bereits von mehreren Seiten bestätigt. Nur Jeeps können diese Schotterpiste befahren. Eine Jeepfahrt kostet hin und zurück 8.000 Rupien (rund 45€). Da wir uns die Kosten gerne teilen möchten, warten wir eine ganze Weile. Endlich kommen zwei Australier mit einem Guide. Los geht’s. Die ersten Kurven sind unbedenklich. Wir werden ein wenig hin und her geschleudert, aber das gehört quasi schon zum Alltag auf den pakistanischen Straßen. Dann aber tut sich neben uns eine Schlucht auf. Es geht Meter oder eher Kilometer tief nach unten. Die Schotterpiste ist an den meisten Stellen nicht breiter als 2,5m. Es gleicht einem Wunder, dass sich die Jeeps hier aneinander vorbei schlängeln können, wenn Gegenverkehr naht. Wir hüpfen auf und ab. Meine Finger und Beine sind ziemlich zittrig. Auf so einer gefährlichen Straße waren wir noch nie. Eine falsche Bewegung des Fahrers…wir wollen es nicht aussprechen.

Nach 1,5 Stunden, in denen gerade einmal 11km zurück gelegt werden, haben wir es geschafft. Wir leben! Darauf folgt die Wanderung, die uns viel Kraft kostet. Der Tag war lang, die Jeepfahrt hat die Energie aus unseren Körpern gesaugt. Wir empfehlen übrigens jedem alles Gepäck in Gilgit zurück zu lassen. Wir haben nur unsere Daypacks dabei. Ansonsten wäre der Aufstieg zu anstrengend. Noch einmal 2,5 Stunden später atmen wir auf. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit haben wir es zum Greenland Hotel geschafft. Stellt euch hier keinen Luxus vor. Die kleinen Hütten sind dunkel. Es gibt keine Dusche, sondern Eimer. Das Wasser wird nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr warm, es ist gletscherkalt. Nachts sinken die Temperaturen auf unter 10 Grad, die Hütten sind nicht isoliert. Gemütlich ist es aber trotz allem und da gerade die Nebensaison gestartet ist, genießen wir die Ruhe. Im Juli und August finden hier bis zu 600 Menschen in den etwa zehn Resorts Platz. Abends besuchen wir unsere Jeep-Buddies aus Australien und sitzen gemeinsam am Lagerfeuer. Langsam wärmen unsere Knochen wieder auf. Dafür ist es umso kälter, wenn wir durch den pechschwarzen Wald zurück zu unserer Hütte finden müssen.

 

Auf den Spuren des tödlichsten Achttausenders

Nach einer kalten und schlaflosen Nacht, entscheiden wir uns gegen die geplante Wanderung zum Nanga Parbat Basecamp. Zwar möchten wir dem zweithöchsten Berg Pakistans nahe kommen, aber wir haben nicht genug Energie, um es bis zum Fuße des Berges zu schaffen. Der Nanga Parbat schafft es mit seinen 8.125m auf Platz neun der höchsten Berge der Erde. Er wird auch als Killer Mountain bezeichnet. Unzählige Bergsteiger haben ihr Leben auf dem Riesen gelassen. Bis 1990 sind 77% aller Bergsteiger gestorben. Stellt euch das einmal vor: 10 Leute starten vom Basecamp, 2 kommen lebend wieder runter. Er ist somit der tödlichste Achttausender der Welt.

Wir lassen es ruhig angehen. Wollen versuchen, es bis zum Aussichtspunkt 6,5km entfernt zu schaffen. Im Nachhinein können wir sagen, dass die Wanderung eher einem Spaziergang gleicht. Sie ist traumhaft schön! Nun verstehen wir, womit sich dieser Ort den Namen Fairy Meadows verdient hat. Um uns zwitschern Vögel in dem lichten Nadelwald. Ein kleiner Bach fließt neben uns über glatte Steine. Weideflächen mit Kühen und Ziegen tun sich vor uns auf. Und auch die ersten Bäume verfärben sich – es wird Herbst.

 

Dass wir uns aufgerafft haben, hat sich gelohnt. Am Aussichtspunkt eröffnet sich uns ein wahnsinnig majestätisches Bild: Das Nanga Parbat Massiv, der Gletscher und blauer Himmel gespickt von Schäfchenwolken. Wow, das muss erstmal wieder verarbeitet werden. Wir starren in die Schlucht vor uns. Das Eis des Gletschers knackt laut. Wir erinnern uns an unsere Wanderung zum Rakaposhi Basecamp.

 

Homecoming in Gilgit

Nach unserer Wanderung geht es uns besser. Die Natur ist Balsam für unsere Seelen und vor allem unsere Körper. Wir fühlen uns nicht mehr so erschöpft. So nehmen wir uns für den nächsten Morgen sogar vor, den Sonnenaufgang zu bestaunen. Und tatsächlich: 6 Uhr klingelt der Wecker. Wir trauen uns sofort aus der Wärme des Betts, ziehen uns dicke Pullis an und laufen wenige Meter, um den Nanga Parbat zu erblicken. Ok, wir waren ein bisschen zu spät. Von dem orange-lila gefärbten Morgenhimmel bekommen wir nix mit. Aber da die Sonne hier eine Weile braucht, bis sie sich über die Gipfel kämpft, beobachten wir, wie die ersten Strahlen den Killer Mountain küssen. Spektakulär! Der weiß dampfende Berg vor diesem azurblauen Himmel. Wahnsinn! Das Bild brennt sich nicht nur auf unserer Kamera fest. Wir sitzen dick eingemummelt auf einer Bank, warten auf die lang ersehnten Sonnenstrahlen, die unsere starren Körper wärmen. Und da kommt sie endlich…Erlösung. Nach dem Frühstück geht es zurück nach Tato. Dieses Mal sind wir schneller – es geht bergab, wir strotzen vor Energie. Die Horrorfahrt mit dem Jeep scheint gar nicht mehr so schrecklich. Wir wissen, dass unser Fahrer jahrelange Erfahrung hat. Bei der Raikot Brücke werden wir direkt von einem Pakistani mitgenommen und so sind wir zeitig wieder in Gilgit. Es fühlt sich an wie ein Nach-Hause-Kommen. Zum dritten Mal sind wir hier. Zum dritten Mal gibt es einen Willkommens-Tee im Madina II Hotel. Zum dritten Mal dürfen wir in das gleiche Zimmer. Der Besitzer Muhammed Yakoob freut sich, uns wiederzusehen. Pakistan macht es uns immer wieder sehr einfach. Wie können wir all diese Herzlichkeit je zurück geben?!

 

 

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