Blitzlichtgewitter in luftiger Höhe

Gerne wären wir noch ein paar Tage in Karimabad im Hunza Tal geblieben, aber es gibt noch so viel zu entdecken. Also heißt es: Schuhe an, Rucksäcke auf, losmarschiert. Schon nach wenigen Metern werden wir wieder aufgesammelt. Wir merken zwar schnell, dass wir in die falsche Richtung fahren, aber das stört uns nicht. Wieder raus aus dem Auto, bedanken, hin und her schauen und schon kommt der nächste Anhalter und wir sind auf dem Weg Richtung Norden. Haji fährt uns sogar bis nach Ghulkin, wo wir die nächsten Nächte verbringen werden. Für ein paar Cent Spritgeld hält er sogar an und zeigt uns das Altit Fort, den leuchtend blauen Attabad See und führt uns durch eine Höhle.

Sieht so eine Entführung aus?

Im nördlichen Pakistan bleibt uns nach jeder Kurve der Mund offen stehen. Das Land ist einfach atemberaubend schön! Die Menschen sind erneut herzlich und gastfreundlich. Langsam sollten wir uns daran gewöhnen, aber immer wieder strahlen wir über beide Ohren und schütteln die Köpfe, weil wir es kaum glauben können. Wir übernachten im Dorf Ghulkin im Hostel von Rehman. Er selber ist gerade nicht da, aber seine Familie kümmert sich rührend um uns. Wir lauschen den Geschichten von Rehmans Vater, der vor vielen Jahren in Deutschland unterwegs war und freuen uns über nagelneue Zimmer, die erst im August 2019 eingeweiht wurden.

Entlang des Karakoram Highway laufen wir zur Husseini Brücke. Plötzlich ruft ein Mann aus einem langsam vorbei fahrenden Auto: „Which country?“ Wir antworten: „Germany“. Reifen quietschen, Türen werden aufgeschlagen, sechs Männer springen auf die Straße, mehrere Handys werden uns vors Gesicht gehalten, Selfie-Time! Wir lachen uns kaputt. Kein negativer Gedanke kommt uns in den Sinn. Im Nachhinein stellen wir fest, dass diese Aktion ein bisschen was von einer Entführung hatte. Wir haben vollstes Vertrauen in ein Land, welches von den Medien in ein absolut falsches Licht gerückt wird. Nach weiteren unzähligen Selfies und leckerem frisch gepressten Aprikosensaft, kommen wir bei der wackeligen Husseini Brücke an. Ein Aufpasser stoppt Alex nach etwa zehn Schritten – zu gefährlich für die westlichen Touristen…

Das absolute Highlight bei Ghulkin sind die Passu Cones. Obwohl sie über 6.000m hoch sind, bleibt kaum Schnee auf ihnen liegen, so spitz ragen sie in die Höhe. Wir genießen den Blick auf diese Landschaft, während die Sonne die Berge in warmes Licht taucht.

Blitzlichtgewitter am Khunjerab Pass

Am nächsten Tag geht es morgens gemeinsam mit Nabi, einem Cousin von Rehman, zum Khunjerab Pass. Unser Ziel ist etwa drei Fahrtstunden von Ghulkin entfernt. Nabi hält an schönen Aussichtspunkten und erklärt uns Traditionen und Kultur so gut sein Englisch es erlaubt. In der letzten Stadt vor der Grenze schenkt er uns Aprikosen von einem Cousin – wir merken schnell, in Pakistan ist gefühlt jeder mit jedem verwandt. Die Stadt Sost hat nicht viel zu bieten, aber liegt wie alle Orte in Gilgit Baltistan eingebettet in spektakulärer Landschaft. Etwa 30 Minuten vor der chinesischen Grenze beginnt der Khunjerab Nationalpark. Der Eintritt kostet rund 7€ pro Person. Wir fahren durch eine Schlucht, entdecken Steinböcke auf den Berghängen und winken den flinken Murmeltieren zu.

Nach einigen engen Serpentinen sehen wir es endlich. Das berühmte Tor. Die höchste Grenze der Welt. Zwischen Pakistan und China. Auf 4.700m zieht es ordentlich, kalte Luft peitscht in unsere Gesichter. Obwohl wir vom Auto zur Grenze nur wenige Meter laufen müssen, atmen wir schwer. Die Luft ist dünn. Fix machen wir ein paar Fotos, winken China zu und wollen aufgrund der Kälte schon wieder umdrehen. Da fragt uns der erste Pakistani nach einem Selfie. Innerhalb weniger Sekunden reihen sich unzählige Männer neben uns auf. Aus einem Selfie werden schnell 10, 20, 30 vielleicht sogar 40. Und dann kommt auch in mir der Touri raus. Ich möchte ein Yak streicheln. Ein vermummter Pakistani bittet mich aufzusteigen. Ich zögere. Aber meine 50kg werden das Tier wohl nicht weiter stören. Und ich darf es sogar ein bisschen streicheln. Oh so kuschelig!

Ein bescheidenes Leben

Am Abend werden wir von zwei Männern mit zwei Motorrädern abgeholt. Sie scheinen auch Cousins von Rehman zu sein. Langsam haben wir das Gefühl, dass in Ghulkin wirklich alle miteinander verwandt sind. Sie fahren uns über Schotterstraßen durch die pechschwarze Nacht zu Rehmans Haus. Dort erwarten uns Rehmans Frau, seine Kinder und seine Eltern. Leckeres Essen schmort in den großen Töpfen, während wir es uns im Wohnzimmer, welches gleichzeitig als Schlafzimmer dient, gemütlich machen. Aromatischer Duft erfüllt den Raum. Der Strom fällt zwischendurch immer mal wieder aus. Das gehört im gesamten Norden des Landes zum Alltag. Das wenige Licht, welches der Generator am Leben hält, illuminiert die kargen Wände.

Die Amtssprache Pakistans ist Urdu, so können sich alle Pakistanis miteinander verständigen. In der Schule wird ausschließlich in dieser Sprache gelehrt. Jedoch ist Urdu von nur rund 7% der Bevölkerung die Muttersprache, da die unterschiedlichen Regionen verschiedene Sprachen sprechen. In Ghulkin ist Wakhi verbreitet, es klingt ganz anders als Urdu. Wir hören den Einheimischen gerne zu – die komplett unterschiedlichen Klänge faszinieren uns. Urdu ist mit dem in Indien gesprochenen Hindi fast identisch. Allerdings wird Hindi von links nach rechts geschrieben, während Urdu in arabisch-persischer Schrift von rechts nach links geschrieben wird.

Pakistans Ruf und die Realität

Und wieder heißt es Abschied nehmen. Am Straßenrand machen wir uns auf eine längere Wartezeit gefasst, denn nur wenige Autos sind heute unterwegs. Wir strecken die Daumen raus. Bereits das zweite Auto hält an. Wir können es nicht fassen. Wie viel Glück kann man bitte haben? Gemeinsam mit vier aufbrausenden Typen aus Karachi geht es durch die großartige Landschaft zurück gen Süden nach Gilgit. Wir machen Selfies, lachen und hören laute indische Musik. Die Jungs sprechen kaum Englisch, aber das beeinträchtigt unsere Euphorie nicht im Geringsten. Am leuchtenden Attabad See halten wir an. Plötzlich wird die Musik aufgedreht. Die Jungs fangen an zu tanzen. Alex wird in den Kreis eingebunden. Absolute Hochstimmung! Ein paar Polizisten, die am Rand stehen, kichern und freuen sich über diesen verrückten Anblick. Es ist der 11. September, vor 18 Jahren endeten auf tragische Weise tausende Leben. Aufgrund des Afghanistan Kriegs, der als Reaktion folgte, brach auch im Nachbarland Pakistan der Tourismus ein. Von den Medien wurde das Land zu einem der gefährlichsten Orte der Welt gemacht. Das Image des Bösewichts besteht bis heute. Völlig zu Unrecht! Für uns ist es das Paradies auf Erden mit den wohl herzlichsten Menschen, denen wir je begegnet sind. Das Land und seine Menschen haben es verdient, dass wir diesen Irrglauben begraben. Auch wenn wir hoffen, dass das Land nicht mit Touristen überschwemmt wird: kommt nach Pakistan, macht euch ein eigenes Bild und taucht in eine unbeschreiblich offene Kultur ein 🙂

 

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