Ich seh den Sternenhimmel

Geführte Touren sind Geschmacksache, generell machen wir lieber unser eigenes Ding. Als die Frage aufkam, ob wir mit einem Mietwagen selbst in die Sahara fahren oder eine mehrtägige Tour mit Guide buchen sollten, recherchierten wir ein wenig. Da ein Geländewagen nicht gerade günstig ist, wir uns nicht so richtig vorstellen konnten, wie das in der Wüste abläuft und auch gerne mit Marokkanern in Kontakt kommen wollten, entschieden wir uns für einen dreitägigen Trip mit der Agentur „Sahara Tours“. Im Nachhinein können wir nur sagen, dass diese Entscheidung für uns persönlich perfekt war. Nichtsdestotrotz ist die Fahrt mit eigenem Wagen sicher abenteuerlich.

Afrika und Schnee. Äh, wie jetzt?

Los ging es in Marrakesh von unserem Riad. Hier holte unser Guide Hassan uns zum Sonnenaufgang, der in Marokko erst gegen 8 Uhr stattfindet, ab. Nachdem wir das noch schlaftrunkene Marrakesh hinter uns gelassen hatten, konnten wir schon den Hohen Atlas sehen. Schneebedeckte Berge vor uns. Irgendwie wollte das immer noch nicht so ganz in das Bild passen, welches in unseren Köpfen schwebte. Immerhin sind wir in Afrika. Wüste, große Tiere, ewige Weiten, chaotische Städte, rote Erde – passt. Aber dieser Schnee da oben – gewöhnungsbedürftig. Wenig später befanden wir uns bereits inmitten dieser Berge. Hassan fuhr uns sicher und schnell über die Pässe und machte immer wieder Halt, damit wir Fotos machen konnten. Die rote Erde, der wolkenlose Himmel und die in der Ferne aufblitzenden Schneekuppen ließen uns gebannt aus dem Autofenster schauen. Der höchste Pass auf der Strecke ist der Tizi N’Tichka, von oben staunten wir, wie sich die Bergstraße nach oben schlängelt.

Wo liegt eigentlich Timbuktu?

Ein ganz besonderer Stopp am ersten Tag ist das Dorf Ait Ben Haddou. Kleine Ortschaften wie diese nennen sich im Marokkanischen Ksar, die Häuser bestehen größtenteils aus Lehm. Der komplette alte Ortskern gehört seit 1987 zum UNESCO Weltkulturerbe. Im 11. Jahrhundert war Ait Ben Haddou ein wichtiger Kontrollpunkt für den Handelsweg zwischen Timbuktu und Marrakesh. Timbuktu liegt übrigens in Mali. Wir wussten das nicht, obwohl der Name komischerweise schon häufig gefallen ist. Heute leben nur noch vier Familien im alten Stadtkern Ait Ben Haddous. Ansonsten ist das Dörfchen für Touristen zugänglich und als Filmkulisse sehr beliebt. Hier wurden beispielsweise Szenen von James Bond 007, Gladiator und Game of Thrones gedreht. Besonders gut hat uns die Aussicht über die Felder, die trockene Wüste und den Hohen Atlas beeindruckt.

Am späten Nachmittag erreichten wir das sogenannte Rosental. Hier blühen vor allem im Mai unendlich viele pinke Rosen. Aber auch ohne blühende Büsche fanden wir es hier sehr schön. Von unserem Riad Tazawa hatten wir vom Balkon freie Sicht auf die Landschaft inklusive schneebedeckter Berge. 18.15 Uhr ist bereits Sonnenuntergang. Wir nutzten unsere freie Zeit und spazierten auf einen Hügel. Während die letzten Sonnenstrahlen die Lehmruinen in tiefes Orange tauchten, blickten wir glücklich über die weite Landschaft.

Lebendiger Parkplatz

Nach dem Frühstück, welches in der Regel aus verschiedensten Brotsorten und Gebäcken besteht, fuhr uns Hassan zur beeindruckenden Todras Schlucht. Dort fanden wir einige Kletterer vor, dafür sind die steilen Wände prädestiniert. Das anliegende Todras Tal wirkt auf uns wie eine Oase. Hier wachsen tausende Dattelpalmen und die grünen Felder leuchten zwischen den staubig rötlichen Bergen auf.

Da wir in fernen Ländern gerne Märkte besuchen, brachte uns Hassan zum Markt in Rissani. Die Souks in Marrakesh sind auf die vielen Touristen ausgerichtet, aber hier waren wir die einzigen Europäer. Es gibt Obst, Gemüse, unendlich viele Gewürze, Datteln, Oliven, Fisch und Fleisch. Letzteres gibt es auch in lebendiger Form – wir werden vom lauten Mähen der Schafe und Meckern der Ziegen angelockt. Für rund 100€ hätten wir eines der Tiere unser nennen können. Leider lässt Easyjet Tiere nicht als Gepäck durch 😉 Das Highlight in Rissani war für uns der riesige Eselparkplatz. Die Dorfbewohner kommen nicht mit dem Auto zum Markt, sondern reiten auf ihren Eseln. Diese werden hier während des Wocheneinkaufs festgebunden. Das laute I-ah Konzert ist ohrenbetäubend und der Anblick irgendwie surreal.

Mit dem Schiff durch die Sahara

Warum wir diese Tour eigentlich mitmachten, war selbstverständlich das Erleben der Sahara. Die größte Wüste der Welt erstreckt sich über neun Länder von der Atlantikküste bis zum Roten Meer. Die Wüste ist mit neun Millionen Quadratkilometern fast so groß wie die USA. Kaum vorstellbar! Nur etwa 20% der Sahara besteht aus den aus Bildern bekannten Sanddünen. Einen Teil davon durften wir sehen – dieser nennt sich Erg Chebbi. Schon von Weitem leuchten die roten Dünen zwischen der grauen Erde unten und dem blauen Himmel oben auf. Wir sind ganz aufgeregt. Dann ging es auch schon los. Auf Kamelen starteten wir mit ein paar anderen Reisenden ins Nirgendwo. Wir hatten so unsere Bedenken, denn Kamelreiten geht gegen unsere Moralvorstellung. Allerdings kommen die Kamele mit, ob wir nun drauf sitzen oder nicht. Da wir nicht viel wiegen und nicht wussten, wie weit der Weg wohl werden würde, entschieden wir uns also für den Ritt. Dieser ist aufgrund des sogenannten Passgangs äußerst unangenehm. Kamele bewegen nämlich abwechselnd das linke und dann das rechte Beinpaar, nicht wie wir es von Pferden kennen. Daher auch der Begriff Wüstenschiff – nun macht es Sinn. Wir schaukelten während der Tour ordentlich auf den Tieren herum. Durch die Abendsonne schlugen die Kamele extrem lange Schatten und die Dünen färbten sich rot. Ein magischer Moment und der Ritt aufgrund der Stille fast schon meditativ.

Nach etwa 1,5 Stunden kamen wir endlich im Berbercamp an. Uns taten die Hintern weh. Es sind seither ein paar Tage vergangen und wir merken’s immer noch 🙂 Kamele sind übrigens Wiederkäuer, deshalb hörten wir häufiges Rülpsen und Kauen. In Marokko und Algerien gibt es noch heute sehr viele Berber, welche die indigene Ethnie Nordafrikas darstellt. Sie leben größtenteils in Zelten in der Wüste, die Tuareg leben sogar als Nomaden. Unser Camp ist zwar für Touristen ausgelegt, ähnelt einem Berbercamp allerdings optisch stark.

Millionen Sterne brennen sich in unser Gedächtnis

Was sollen wir sagen? Dieser Sternenhimmel! Sowas haben wir noch nicht gesehen. Wie auch? Fast immer ist irgendwo eine störende Lichtquelle oder der Mond erleuchtet den Nachthimmel. Wir hatten großes Glück – kein Mond, keine Stadt, kein Dorf, nicht einmal ein Flugzeug in der Nähe, einfach gar nichts. Der Nachthimmel über uns war beeindruckend. Millionen von Sternen, mehrere Sternschnuppen und die magische Milchstraße ließen unsere Köpfe immer wieder gen Himmel strecken. Die Bilder am besten anklicken und im Großformat anschauen, am besten in einem dunklen Raum – so erkennst du sogar die Milchstraße. Am Lagerfeuer machten die beiden Berber Musik auf Trommeln und sangen dazu. Was für ein unvergessliches Erlebnis! Ebenfalls unvergesslich waren die Temperaturen. Ach du Scheiße, war das kalt. Tagsüber kann es in der Wüste bis zu 60 Grad heiß werden. War bei uns jetzt nicht der Fall, aber um die 25 Grad wird es wohl gewesen sein. Nachts sinkt das Thermometer allerdings auf unter 0 Grad. Ich hätte eigentlich auf’s Klo gemusst, aber ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen, das warme Bett zu verlassen. Nicht besonders förderlich, um einzuschlafen…

Nach einer relativ schlaflosen Nacht wartete noch ein besonderer Moment auf uns: Der Sonnenaufgang in der Wüste. Alex setzte sich auf eine Düne, ich wartete auf einem Abschnitt etwas weiter unten. Langsam verfärbte sich der Himmel von dunkelblau zu hellblau zu lila zu leicht gelblich und am Ende sogar orange. Wieder diese absolute Stille – kein Vogelgezwitscher, keine Autos, kein Wind, keine Flugzeuge, gar nichts. Höhere Dünen rings um uns färbten sich rötlich und die Sandmaserung erinnern an leichten Wellengang. Das Spiel aus Licht und Schatten im Sand ist unbeschreiblich schön. Um 8:10 Uhr schafften es die ersten Sonnenstrahlen auf unsere Gesichter und spendeten uns die ersehnte Wärme. Dieses Mal entschieden wir uns, den Weg neben den Kamelen zu laufen. Das klappte sehr gut, die morgendlichen Temperaturen sind für eine kleine Wanderung perfekt. Da die Kamele nicht sonderlich schnell sind, konnten wir gut Schritt halten.

Kurzer Abstecher in die Schweiz

Eine Tour durch die Sahara bringt viel Sand mit sich. Logisch. Eine Dusche tat unheimlich gut. Sand finden wir aber auch jetzt noch in Schuhen und Socken. An unserem dritten und letzten Tag der Tour brachte unser sympathischer Guide Hassan uns nach Fès. Auf dem Weg dorthin machten wir erneut mehrere Stopps in der vielfältigen Landschaft Marokkos. Abermals fuhren wir vorbei an tausenden Dattelpalmen, durch grüne Täler und staubige Landschaften. Teilweise erinnerten uns letztere an Arizona in den USA. Nur wenige Zeit später überquerten wir einen Pass, auf dem leichter Schnee lag und Nomaden ihre Schafherden über die Felsen trieben. Kleine Bergbächlein fließen am Straßenrand. Und wieder einige Kilometer später kamen wir in einen dichten Zedernwald, wo wir Äffchen beobachteten. Wir haben viel von der Sahara erwartet. Unsere Erwartungen an den Rest der Tour waren nicht so hoch bzw. hatten wir uns darüber kaum Gedanken gemacht. Wir sind von der Vielfalt und Schönheit Marokkos echt angetan. Unser letzter Stopp brachte uns nach Ifrane, einen kleinen Ort im Mittleren Atlasgebirge. Ein surrealer Anblick! Die Architektur erinnert an die Deutschlands oder die der Schweiz, weswegen der Ort auch Swissland genannt wird. Außer ein paar Schildern mit arabischer Aufschrift und den dunkelhäutigen Menschen erinnert hier nichts mehr daran, dass wir uns in Marokko befinden. Wir spazieren durch ein paar Straßen und fühlen uns seltsam unwohl. Alles wirkt irgendwie künstlich. Wir steigen schnell wieder ins Auto und lassen uns von Hassan in das Marokko fahren, welches wir in den letzten Tagen lieb gewonnen haben – in das staubige und wuselige Fès.

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