Der Höhepunkt unserer Reise

Nach unserer Rückkehr aus dem wunderschönen Punakha Tal ging es erneut über den Dochula Pass weiter ins Paro Tal. In Paro befindet sich der einzige internationale Flughafen des Landes und wir wurden am ersten Tag von hier abgeholt. Gesehen hatten wir aber noch nicht so viel. Zuerst führte uns unser Guide Kinley zum Nationalmuseum, von dem wir einen tollen Blick über das Tal mit Fluss, Städtchen und Feldern hatten. In dem Museum selbst gibt es einen interessanten und einen weniger interessanten Teil. Im Ersten erfuhren wir so einiges über Flora und Fauna des Landes, im Zweiten sind Wandteppiche, Masken und Statuen ausgestellt. Der Paro Dzong, den wir von fast überall im Paro Tal sehen konnten, prangt ganz in der Nähe des Museums. Prangen ist das richtige Wort – der im 15. Jahrhundert gebaute buddhistische Tempel ist riesig und erscheint wie an eine unbezwingbare Festung.

Wie war das noch mit diesem Glück?

Das Paro Tal beheimatet die gleichnamige Kleinstadt Paro mit rund 15.000 Einwohnern und einer Vielzahl an traditionell bhutanesischen Bauernhäusern. Die wirtschaftliche Grundlage des mit fruchtbaren Böden gesegneten Tals ist heute neben dem Anbau von Reis, Äpfeln und Kartoffeln vor allem der Tourismus. Es gibt zahlreiche Hotels, Restaurants und den bereits erwähnten Flughafen. Für einen kurzen Stadtbummel am Nachmittag ließen uns unser Guide und Fahrer ein wenig alleine. Wir schlenderten durch die wenigen Straßen der Stadt, die auf uns eher wie ein Dorf wirkt, und waren nach ungefähr dreißig Minuten einmal quer durch die Hauptstraße und durch viele Gassen gelaufen. Was nun? Wir hatten noch eine Menge Zeit, bis unser „Abholservice“ kommen würde. Also gingen wir in eines der wenigen Cafés und bestellten Kaffee, Tee und Donuts. Von hier konnten wir gut die vorbeilaufenden Menschen beobachten – ohne zu glotzen, versteht sich 😉 Während unserer Zeit in Bhutan ist uns vor allem eines aufgefallen: es gibt keine Bettler oder Obdachlosen. Es gibt wenig bis gar keine Kriminalität. Auch wenn es sich um ein Entwicklungsland handelt, wirkt es auf uns nicht wie ein solches. Viele haben irgendwie schon mal etwas von diesem Land gehört – ist es nicht das glücklichste der Welt? Hm, nicht wirklich. Es ist tatsächlich das einzige Land weltweit, welches das Glück seiner Bevölkerung überhaupt in Betracht zieht und zu messen versucht. Der ehemalige König Jigme Singye Wangchuck führte das Schlagwort vom Bruttonationalglück ein und formulierte dieses als eines der wichtigsten Ziele der Wirtschaftspolitik Bhutans. Seit 1961 werden Fünfjahrespläne aufgestellt, um die Entwicklung des Landes zu steuern und wichtige Ziele wie den Aufbau der Verkehrsinfrastruktur, den Ausbau der Wasserkraft und die Reduktion der Armut in Angriff zu nehmen.

Hauptzutat des Landes: Chili

Was gehört eigentlich zu einem glücklichen Leben? Für uns persönlich steht weit oben ganz klar eines: gutes Essen! Diesem Bedürfnis sind wir in Bhutan selbstverständlich ebenfalls nachgegangen. Das Nationalgericht des Landes nennt sich Ema Datshi und ist ein Weichkäse mit Chili bzw. Chili mit ein bisschen Käse 😉 Jedes Mal wenn wir es wagten, brannten uns danach die Lippen, aber lecker ist das Zeug schon. Generell sind in den meisten Gerichten des Landes Milchprodukte vertreten – Käse, Joghurt und vor allem eines: Butter. Jeden Abend gab es als Vorspeise Gemüsesuppe in verschiedensten Varianten. Geschmeckt hat sie jedes Mal genau gleich, nämlich nach Butter. Ansonsten gibt es viele Speisen mit Linsen, grünem Spargel und Kartoffeln. Alles mit ordentlich getrockneten roten oder grünen Chilis. Roter Reis kommt ursprünglich aus Bhutan und schmeckt etwas nussiger als sein durchaus weiter verbreiteter Verwandter, der weiße Reis. Ähnlich wie in Nepal erfreuten wir uns hier an den aromatischen Linsengerichten und den Gemüseteigtaschen namens Momo.

Wir befinden uns auf dem Höhepunkt

An einem unserer sieben Tage im königlichen Bhutan entschieden wir uns für einen Abstecher in das Haa Tal. Dieses kommt besonders ursprünglich und kaum vom Tourismus berührt daher. Erst mussten wir aber wieder von einem Tal ins andere kommen. Dieses Mal fuhren wir über den Chele La Pass, der zugleich der höchste des Landes ist. Die Straßen sind hier sehr schmal und holprig und wir passierten zusammengeschusterte indische Arbeiterbarracken. Diese passen so gar nicht in das Landschaftsbild. Nach einer sehr rasanten Fahrt über gefühlt eine Millionen Serpentinen kamen wir auf etwa 3.800m an und durften dann zu zweit noch weiter hoch laufen. Leicht schniefend schafften wir es auf 3.950m und waren somit am höchsten Punkt unserer gesamten Reise angekommen. Die Luft dort oben ist dünn und die Wolken zogen im Sekundenrhythmus an uns vorbei. Mal konnten wir das Haa Tal auf der einen Seite des Passes sehen, mal war es in Wolken gehüllt. Wir wären gerne bis auf den höchsten Punkt des Passes gelaufen. Durch die Wolken konnten wir diesen einfach nicht sehen und waren nicht sicher, ob es nur noch wenige Meter bis ganz oben waren oder es sich eher um Stunden handeln würde. Zudem waren wir die einzigen, die sich so weit hoch gewagt hatten und das obwohl auf dem Parkplatz des Passes Unmengen an Autos standen.

Beim Abstieg rief uns eine Gruppe junger Bhutanesen zu und bot uns eine Tasse Milchtee mit Puffreis an. Wir setzten uns also zu den Jungs und unterhielten uns ein Weilchen mit ihnen. Es stellte sich heraus, dass alle in Paro als Taxifahrer arbeiten. Einmal im Jahr kommen sie auf den Chele La Pass und hissen 108 Gebetsfahnen. Die Zahl 108 ist in Bhutan eine bedeutungsvolle Glückszahl. Da die jungen Männer als Taxifahrer über gefährliche Straßen häufig einzig ihren Sinnen ausgesetzt sind, begehen sie diese Tradition in der Hoffnung auf viele positive Karmapunkte. Bei uns haben sie diese mit ihrer Gastfreundschaft und Offenheit auf jeden Fall verdient!

Umwelt > Wirtschaft

Kinley machte sich schon Sorgen, als wir endlich wieder beim Auto ankamen. Dann konnte es weiter hinab gehen Richtung Haa Tal. Auch hier fanden wir wie in allen bisherigen Tälern wunderschöne Natur vor – rauschende Flüsse, bemooste Felsen, kleine Bächlein und meterhohe Nadelbäume. Spannend und einzigartig ist übrigens, dass alle wirtschaftlichen Interessen Bhutans dem Umweltschutz untergeordnet sind. Die Naturbelassenheit des Landes im Vergleich zu seiner Größe ist nahezu unvergleichlich auf der Welt. Den Kindern wird bereits in der Schule intensiv beigebracht, wie wichtig der Umwelt- und Naturschutz ist. Es wird sogar praktisch draußen in der Natur gelehrt. Im Haa Tal schauten wir uns den Weißen Tempel an, der allerdings geschlossen war.

Nach einem köstlichen Mittagessen bummelten wir durch das kleine Dörfchen Haa. Hier hatten wir endlich die Chance das authentische bhutanesische Leben zu beobachten. Kühe ziehen gemütlich durch die kaum befahrene Straße, Frauen sitzen vor den Häusern und tuscheln, Kinder spielen auf den Gehwegen, Männer laufen Betelnuss kauend an uns vorbei und Kunden kaufen durch ein Fenster bei einem kleinen Lebensmittelladen Reis und Gemüse. Hier scheint die Zeit vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein. Wir wurden teilweise gar nicht beachtet oder nur schüchtern inspiziert. Generell hatten wir uns vor unserem Besuch ein sehr offenes Völkchen vorgestellt. So ist es aber ganz und gar nicht. Selten wurden wir gegrüßt, die Menschen sind sehr zurückhaltend und nur in seltenen Fällen kommt es zu Gesprächen.

So nah und doch so fern

Für unseren letzten Tag hatten unser Guide und wir uns das Wahrzeichen des Landes aufgehoben. Unsere Wanderung sollte uns zur weltberühmten Taktsang Monastery bringen. Vielleicht kennst du es unter dem Namen Tigernest. Wir wanderten gegen 8.30 Uhr los hinauf auf einen der im Paro Tal gelegenen Berge. An diesem Tag galt es 1.400 Höhenmeter zu überwinden, um letztendlich auf 3.120m mitten im Himalaya anzukommen. Unten schwangen sich einige Touristen auf Pferde. Das können wir vor allem bei jungen gesunden Menschen nicht nachvollziehen. Allerdings dürfen die fleißigen Pferdchen nur bis zum ersten Aussichtspunkt und somit konnten die lauffaulen Besucher das Tigernest eben nur aus der Ferne begutachten. Es scheint gar nicht mehr so weit, aber der Aufstieg ist steil. Gemeinsam mit Kinley wanderten wir zügig vorbei an den ersten Pilgern und wurden an jeder Ecke mit einer neuen unglaublich faszinierenden Sicht über Berge und Tal überrascht. Die bunten im Wind flatternden Gebetsfahnen, die für uns mittlerweile der Inbegriff Bhutans sind, stellen das Sahnehäubchen auf der Torte dar.

Fliegender Tiger und ewige Meditation 

Nachdem wir einen weiteren Aussichtspunkt erreichten, staksten wir über unzählige Stufen erst hinab und dann wieder hinauf. Zu unserer Linken ein hoher Wasserfall direkt an der Felswand. Nach etwa zwei Stunden wandern hatten wir es geschafft, holten nochmals tief Luft und stiegen die letzten Steinstufen ehrfürchtig hinauf in das Kloster. Dort angekommen mussten wir all unsere Habseligkeiten inklusive Kamera und Handy abgeben – leider sind auch hier keine Fotos erlaubt. Nun hieß es für uns Kinleys Geschichten zu lauschen und zu staunen. Der Legende nach flog Guru Rinpoche im 8. Jahrhundert auf einem weiblichen Tiger aus Tibet herbei und landete in schwindelerregender Höhe auf dem Felsabsatz. Genau auf diesem befanden wir uns gerade. Dort machte er es sich bequem und gab sich drei Monate lang der Meditation hin. Dann stieg er aus seiner Höhle hinab und brachte den Menschen im Paro Tal die Lehre des tantrischen Buddhismus. Bis dato wussten wir nicht, warum das Kloster überhaupt als Tigernest bezeichnet wird. Erst im Jahre 1692 wurde hier erstmalig ein Kloster erbaut. Guru Rinpoche ist heute ein Nationalheiliger und das Kloster der bedeutendste Pilgerort Bhutans. Im Kloster schauten wir uns acht kleine Tempel an und waren sprachlos aufgrund der mystischen Stimmung. Das Zusammenspiel der Natur, der betenden Mönche sowie des intensiven Dufts zahlreicher Räucherstäbchen und Kräuter ist unbeschreiblich. Dieser Ort hat etwas Magisches, was nur schwer zu beschreiben ist. Das musst du selbst einmal erleben. Da nach unserem Besuch im Tigernest ein leichter Regen einsetzte, legten wir für den Abstieg einen Zahn zu und kamen nach nicht einmal 1,5 Stunden wieder am Fuß des Berges an.

Viel Authentizität am letzten Abend

Am späten Nachmittag besuchten wir Kyichu Lhakhang, den ältesten Tempel des Landes, der nach dem Tigernest eher unspektakulär daher kommt. Allerdings trafen wir hier auf die Cousine des Königs, die uns sogar nach unserem Befinden fragte. Wir dachten zuerst, sie sei eine Touristin, da sie irgendwie gar nicht asiatisch aussah und einige Tattoos ihre Arme und Beine zierten. Kinley klärte uns nach dem kurzen Gespräch auf und wir fühlten uns geehrt und waren stolz mit der königlichen Familie Bekanntschaft gemacht zu haben 🙂 Danach kamen wir in den Genuss einer bhutanesischen Tradition, die bereits vor Jahrhunderten genauso praktiziert wurde. In uralten Holzwannen lagen wir zwischen wunderbar duftenden Kräutern, während ein Mann von draußen glühende Steine in die Wanne tat. Natürlich ist der Teil der Wanne durch ein Holzbrett mit kleinen Löchern von unseren Körpern getrennt. Die Wannen sind nummeriert. Wenn wir es heißer haben wollten, sagten wir: „Number three hotter please“ und schon wurden wieder glühende Steine gebracht. Wir lagen entspannt in dem dampfenden Wasser. Danach duschten wir uns gegenseitig mit eiskaltem Wasser aus und fühlten uns wohlig warm. Am letzten Abend ging es für uns traditionell gekleidet in Gho (für Männer) und Kira (für Frauen) in ein Farmhaus. Dies sind große Familienwohnhäuser, die am Abend für Touristen geöffnet werden. So hatten wir die Chance ein typisches Abendessen in einem typischen Zuhause zu erleben. Natürlich gab es Ema Datshi und alles war wieder ziemlich scharf. Zum Abschluss fuhren wir mit den beiden Kinleys in eine Bar in Paro und tranken den beiden mit unserem bhutanesischen Bier Druk 11000 etwas vor. Beide trinken keinen Alkohol. Die Bars hier wirken eher wie Wohnzimmer, in welchen ältere Damen, Kinder und sogar Mönche sitzen, um ihre sozialen Kontakte zu pflegen. Wir fanden das ziemlich witzig, lag wohl auch ein wenig an dem starken Bier.

Der Abschied am nächsten Morgen vor dem Flughafen war traurig. Es gibt doch noch so viel zu sehen im Bhutan. Für einen nächsten Besuch müssen wir allerdings noch eine ganze Weile sparen. An diesem Tag strahlte die Sonne und das Abheben der Maschine lief wie am Schnürchen. Keine Turbulenzen, rasanter Aufstieg entlang der extrem nahen bewaldeten Berge und – Überraschung – Blick auf schneebedeckte Himalaya-Bergspitzen, die zwischen den Wolken aufblitzten. Schöner konnte diese unbeschreiblich spirituelle Woche im Königreich Bhutan kaum enden.

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