Im Land des Donnerdrachens

Wir sind selbst noch ganz aufgeregt und überglücklich, dass wir uns für einen Abstecher nach Bhutan entschieden haben. Ja, genau das Land, welches du als Individualtourist nicht bereisen darfst. Das Land, für welches du einen Guide und Fahrer brauchst und pro Tag 200€ bis 250€ hinblättern musst – abhängig von Gruppengröße und Reisezeit. Im Preis enthalten sind Guide, Fahrer, Unterkünfte, Verpflegung, Visum und alle gebuchten Aktivitäten. Hinzu kommt noch das Trinkgeld für Fahrer und Guide.

Kurzes Stoßgebet an Buddha

Von Kathmandu stiegen wir in die Maschine der Airline DrukAsia. Wir waren schon hibbelig und gespannt, was denn da auf uns zukommen würde. Erstmal mussten wir aber den Flug überstehen. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Der einzige internationale Flughafen des Landes in Paro gehört zu den am schwierigsten anzusteuernden Flughäfen der Welt. Er liegt in einem Tal umgeben von hohen Bergen des Himalaya-Massivs. Die Einflugschneise kann kaum als solche bezeichnet werden. Es gibt nur etwa 10 Piloten, die diesen Flughafen mit ihrer guten Manövrierfähigkeit überhaupt anfliegen dürfen. Die Instrumenten-Leitsysteme des Flugzeugs nützen hier nichts, es wird auf Sicht geflogen. Ganz schön gruselig. Kurz vor Paro flogen wir auf eine dichte Wolkenwand zu und hüpften aufgrund heftiger Turbulenzen in unseren Sitzen auf und ab. Wegen des schlechten Wetters musste der Pilot den ersten Landeversuch abbrechen. Die Maschine startete wieder durch und wir flogen eine große Schleife. Nachdem der Himmel sich leicht aufgeklart hatte, landeten wir endlich sicher auf bhutanesischem Boden. Nochmal gut gegangen! Unser Guide Kinley und unser Fahrer mit dem gleichen Namen begrüßten uns. Erstmal ging es Richtung Thimphu, der Hauptstadt des Landes.

Nach fünf Monaten Eigenregie geben wir die Zügel ab

Anfänglich war es gewöhnungsbedürftig nicht mehr täglich selbst zu entscheiden, was wir mit dem Tag anstellen sollten. Wir mussten zu einer bestimmten Uhrzeit aufstehen, damit wir zur besprochenen Zeit losfahren konnten. Wir gingen in die Restaurants, zu denen wir gefahren wurden. Wir mussten kein Hotelzimmer vorbuchen. Um ehrlich zu sein, würden wir eine solche Pauschalreise niemals mitmachen, aber in diesem Falle ging es nunmal nicht anders. Letztendlich tat es richtig gut, die Zügel einmal abzugeben und uns nach fünf Monaten um nichts kümmern zu müssen. Wie bereits erwähnt, kann das Land noch nicht ohne ein festgeschnürtes Paket bereist werden. Ausnahme besteht für Inder, Malediver und Bangladeshis, sie brauchen kein Visum und keinen Guide. Bhutan hat sich erst im Jahr 1974 für den Tourismus geöffnet, mittlerweile kommen jährlich über 100.000 Besucher. Der Binnenstaat beheimatet nur 700.000 Einwohner, hat aber relativ zur Größe mehr Waldbestand als alle anderen Länder weltweit. 2/3 der Fläche sind mit ursprünglichen Nadel- und Laubwäldern bedeckt. Da wir am ersten Tag am späten Nachmittag in der Hauptstadt ankamen, schauten wir uns ausschließlich die National Memorial Chorten an. Die Stupa ist dem dritten König des Landes gewidmet. Dort fanden wir viele Gläubige vor, die Gebetsräder drehten, ihre Runden um die Stupa gingen und leise beteten.

Tour durch die Hauptstadt Thimphu

Am nächsten Morgen waren die Wolken abgezogen und es ging los zum Buddha Point. Dort wartet mit 52m Höhe die größte sitzende Buddha Statue der Welt auf dich. Hier oben hatten wir eine 100 Millionen Dollar Sicht über Thimphu und die schneebedeckten Berge. Die Zahl spiegelt die Ausgaben wider, die dieses vergoldete Heiligtum gekostet hat. Ohne Sonnenbrille wären wir höchstwahrscheinlich erblindet. Spektakulärer Bau in spektakulärer Landschaft!

Danach stand ein Besuch der Arena für den Nationalsport Bogenschießen auf dem Plan. Dieser Sport wird von fast allen männlichen und einigen weiblichen Einwohnern des Landes praktiziert. Eine riesige Entfernung muss überwunden und dann eine winzige Zielscheibe getroffen werden, um Punkte für sein Team zu sammeln. Im winzigen Museum Simply Bhutan wurden wir im Schnelldurchlauf durch einige Besonderheiten des Landes geführt. Wir probierten den bhutanesischen Reiswein Ara, uns wurden ein paar traditionelle Küchenutensilien vorgeführt, wir schauten uns einen volkstümlichen Tanz an und schlürften ziemlich seltsam schmeckenden Buttertee mit Puffreis. Schließlich durfte Alex zeigen, was er im Bogenschießen drauf hat. Er traf tatsächlich die Zielscheibe.

Im Changangkha Kloster trafen wir auf Gebete murmelnde Mönche und fühlten uns wie in eine andere Welt versetzt. Im Bhutan sind wir häufig auf sehr spirituelle Orte getroffen. Wir schauten schweigend zu und sogen mit dem Duft der Räucherstäbchen die mystische Stimmung auf. In ganz Bhutan dürfen in religiösen Stätten keine Fotos gemacht werden, es ist lediglich gestattet sie von außen zu fotografieren. Dort zogen die Bhutanesen wieder ihre Runden im Uhrzeigersinn um den Tempel und drehten unzählige Gebetsrollen, natürlich ebenfalls im Uhrzeigersinn.

Die Königsfamilie spielt eine sehr bedeutende Rolle im bhutanesischen Leben. In allen Restaurants, Hotels und Wohnhäusern fanden wir Bilder von ihnen vor. Aktuell thront der fünfte König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck. Sein Vater der vierte König legte sein Amt 2006 nieder. Seit dem Jahr 2008 ist König Jigme nicht mehr der Alleinherrscher. Es gibt eine Regierung und ein Parlament nach britischem Vorbild, bestehend aus Ober- und Unterhaus. Bei einer Wanderung durch die Wälder des Tals schauten wir über Thimphu und bewunderten den Residenzsitz des Königs aus der Ferne. Während der Regen auf uns niederprasselte hörten wir ein lautes Donnern. Nicht umsonst heißt das Land auf bhutanesisch Druk Yul – Land des Donnerdrachens.

In Thimphu befindet sich der größte Markt des Landes. Hier geht es im Gegensatz zu anderen asiatischen Hauptstadtmärkten richtig gesittet und ruhig zu. Es gibt hier alles, was das bhutanesische Herz begehrt. Wir probierten getrockneten Yak-Käse, an dem wir uns fast die Zähne ausbissen. Es dauert etwa eine halbe Stunde und kostet unglaublich viel Spucke und Kieferkraft bis die quadratischen Dinger im Mund weich werden. Geschmacklich leider eine Enttäuschung.

Zwischen Schwarzwald und Tibet

Am dritten Tag ging es über den Dochula Pass in ein weiteres Tal: Punakha. Da dieses wesentlich tiefer liegt als das Thimphu Tal sind die Temperaturen hier im Sommer höher. Im Winter lebt der König mit seiner Familie aufgrund der milden Temperaturen hier in der sogenannten Winterhauptstadt, Thimphu bezeichnen die Einheimischen deshalb als Sommerhauptstadt. Durch dichten Nadelwald und über unzählige Serpentinen ging es hinauf auf den Dochula Pass. Die Landschaft erinnert ein wenig an den Schwarzwald, gemischt mit tibetanischen Einflüssen. Viele der Einwohner kommen aus Nepal, Indien und eben auch Tibe. Einige Traditionen werden hier seit Jahrhunderten ähnlich wie in der autonomen Region im Süden Chinas gelebt. Auf dem Pass konnten wir trotz Monsunzeit einige Bergspitzen des östlichen Ausläufers der Himalayas erspähen. Andächtig liefen wir durch diesen magischen Ort vorbei an 108 kleinen Tempeln. Über diese Zahl stolperten wir in Bhutan mehrfach. Immer wieder erzählte uns Kinley über Traditionen und Gebräuche, die mit dieser Glückszahl verbunden sind. Beispielsweise hisst ein Sohn 108 Gebetsfahnen, kurz nachdem der Leichnam seines Vaters verbrannt wurde.

Wo Mann und Frau aufeinander treffen

In Punakha angekommen, staunten wir, dass der Nadel- dem Laubwald gewichen war. Unser Fahrer steuerte als erstes die Pho Chu Hängebrücke an, mit 160m die längste ihrer Art im ganzen Land. Der Fluss Pho Chu wird als männlicher Fluss bezeichnet und trifft am Punakha Dzong auf den Mo Chu, den weiblichen Fluss. Der „Mann“ ist hier definitiv der Wildere, während die „Frau“ gemächlich durchs Land zieht. Bei wunderbar sonnigem Wetter schmatzten wir unser leckeres Mittagessen direkt am Mo Chu und waren ganz hin und weg von der Schönheit Bhutans.

Ein magischer Ort

Auf Dzongkha, der Amtssprache Bhutans, heißt Tempel Dzong und von diesen Dzongs gibt es im Land verteilt unzählige wunderschöne Exemplare. Besonders sticht der Punakha Dzong hervor, der sowohl von außen als auch von innen zauberhaft aussieht. Er liegt direkt zwischen den beiden Flüssen, besteht aus mehreren kleinen Türmchen und ist umgeben von bunt blühenden Sträuchern. Während Kinley uns vom Wirken des Buddhas erzählte, lag eine magische Stimmung in der Tempelluft. Dieser spirituelle Ort war für uns ein Highlight der Reise durch den Westen Bhutans. Generell ist ein kleiner Teil unserer Herzen in Punakha geblieben.

Rauswurf aus dem Fruchtbarkeitskloster

Als ob das nicht bereits genug gewesen wäre, wanderten wir am Nachmittag, nachdem es sich ein wenig abgekühlt hatte, durch die Felder des Punakha Tals. Da unsere Wanderung uns zum Fruchtbarkeitskloster führte, trafen wir auf sehr viele Phallussymbole. Diese findest du hier auf Hauswänden, in Holzform, teilweise sehr detailliert dargestellt. Die Bhutanesen glauben an die Wirkung dieser Stätte, die sich auf einem kleinen Hügel befindet. Wer eine Familie gründen möchte, begibt sich an diesen besonderen Ort. Für die Wanderung hatte ich eine kurze Hose angezogen, dies war einem griesgrämigen Mönch jedoch ein Dorn im Auge und so wurde ich nach kurzer Zeit des Klosters verwiesen. Na ob das in der Zukunft was wird mit dem Kinderwunsch? 😉

Auch auf dem Rückweg flanierten wir inmitten unglaublich schöner Reisterrassen, vorbei an kleinen Tempeln mit Gebetsrollen und -fahnen, im Hintergrund die waldigen Berge. Neben der beeindruckenden Landschaft ist auch die Architektur im Land einmalig. Alle Gebäude müssen der traditionellen Bauweise entsprechen. Die Häuser sind massiv, die Türen und Fensterrahmen bestehen aus Holz und die Wände sind üppig verziert.

Auch unser wunderbar gelegenes Hotel hat uns sehr überrascht und wir waren begeistert über die Aussicht von unserem riesigen Balkon. Das Aufstehen für den Sonnenaufgang um kurz nach fünf hat leider nicht ganz geklappt. Wir waren einfach zu müde. Bloß gut, denn am Morgen war es sowieso bewölkt. Nach dem Frühstück ging es über den Dochula Pass zurück über Thimphu nach Paro, wo wir die nächsten drei Nächte verbrachten.

Von unserem Balkon in Punakha

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