Nach dem Schmerz kommt die Erholung

Kurz vor dem Dorf Nagarkot befindet sich Kiripati, eine kleine Ansiedlung von Häusern mit angrenzenden Feldern. Hier hatten wir uns für ein viertägiges Yoga Retreat angemeldet und freuten uns auf ein wenig Entspannung. Nach unserer Lebensmittelinfektion in Myanmar und den anstrengenden Tagen in Kathmandu waren Ruhe und Natur Balsam für unsere Seele. Mit Sack und Pack schleppten wir uns die staubige Straße entlang der Felder zu einem Haus mit Schild Niru Yoga Homestay. Wir waren angekommen. Die anderen Yogis und Yoga Lehrer Rajan waren noch auf einer Wanderung unterwegs. Seine Mutter Komala und seine Frau Niru begrüßten uns herzlich, zeigten uns unser einfaches aber sauberes Zimmer und brachten uns leckeren würzigen Tee. Bis zum Mittagessen setzten wir uns in den kleinen Garten und spielten mit unserem neuen Freund Chintoo.

Regeneration trotz straffen Zeitplans

In Nepal gibt es sehr viele Homestays. Unterkünfte, bei denen du mit der Familie gemeinsam lebst und isst. Sie sind eine tolle Abwechslung zu Hotels und Hostels und bieten eine wunderbare Möglichkeit, einen Einblick in die Traditionen des Landes zu erhalten. Das Niru Yoga Homestay ist das erste seiner Art, welches zusätzlich Yogastunden anbietet. In ganz Nepal gibt es bis heute nur zwei dieser Yoga Homestays. Wir waren von Anfang bis Ende begeistert. Unser Tagesplan sah wie folgt aus:

07.00 Uhr Aufstehen
07.15 Uhr Tee
07.30 Uhr Jal Neti – Nasenreinigung
08.00 – 09.30 Uhr Yoga mit Meditation und Pranayama Atemübungen
10.00 Uhr Frühstück
11.00 – 14.00 Uhr Wanderung
14.30 Uhr Mittagessen
15.00 – 17.45 Uhr Zeit zur freien Verfügung
17.45 Uhr Tee
18.00 – 19.30 Uhr Yoga mit Meditation und Pranayama Atemübungen
19.30 Uhr Abendessen

Klingt nach einem recht anstrengenden Programm. Ist es auch! Mit der Zeit kommt jedoch auch die Erholung. Die positive Wirkung auf den Körper haben wir am eigenen Leib erfahren. Besonders hart waren die drei Stunden Aktivität am Morgen bevor es Frühstück gab. Vor allem mein Magen knurrte während der morgendlichen Yoga-Session wie wild. Die Wanderungen führten uns durch Felder und über die Hügel des wunderschönen Kathmandu-Tals. Die Sicht im Mai ist diesig, Berge konnten wir nicht entdecken. Das ist in der Vormonsunzeit ganz normal.

Am dritten Tag blieb Alex mit vom Yoga geschwächtem Körper im Homestay, während ich gemeinsam mit Rajan und den anderen Yogis wandern ging. Um zu einem Wasserfall zu kommen, mussten wir einen extrem steilen Hang hinauf. Letztendlich haben sich die Strapazen gelohnt. Die Aussicht von einem der Berge über die dicht bewaldete Landschaft ist traumhaft.

Wie Yoga und Schließmuskel zusammenhängen 

Nach dem morgendlichen Kräutertee säuberten wir unsere Nasenwege mit warmem Salzwasser. Du kippst dieses in ein Nasenloch. Aus dem anderen Nasenloch kommt das Wasser dann wieder raus. Klingt eklig und unangenehm, aber ist effektiv. Die Nase ist danach frei, adé Staub Kathmandus. Manche kennen diese Technik sicher bereits aus Zeiten einer Erkältung. Der Hauptteil eines Yoga Retreats sind logischerweise die beiden Yoga-Sessions am Morgen und am Abend. Wir haben beide vorher ab und an Yoga gemacht und gehen in Berlin regelmäßig zum Body Balance. Somit kamen wir recht schnell in die Asanas = Posen rein. Nach wenigen Stunden ließen wir unsere Augen geschlossen und hörten auf Rajans Anweisungen. Manche der Übungen verlangten extreme Körperspannung, Balance und vor allem Dehnung. Muskelkater ist hier vorprogrammiert. Nach 60 Minuten Yoga machten wir meist eine 10-minütige Meditationspause und danach folgten 20 Minuten Atemübungen namens Pranayama. Auf diese musst du dich einlassen. Ansonsten werden sie dir als lächerlich erscheinen. Eine der witzigsten Übungen ist das Anspannen des Schließmuskels und das wieder Entspannen. Das 50 Mal hintereinander. Während Rajan immer wieder „clench, release, clench, release“ wiederholte, vernahmen wir im Raum leises Gekicher.

Körper und Seele im Einklang

Ein Highlight bei Rajan und seiner Familie ist das unglaublich leckere Essen, welches tagtäglich drei Mal von Mama Niru und Oma Komala zubereitet wird. Fast alles, was hier auf den Tisch kommt, wurde vorher im eigenen Garten und auf den Feldern angebaut. Da kann der Bioladen in Berlin einpacken 😉 Die gesamte Familie ernährt sich vegetarisch. Für uns wurde problemlos auch auf Eier und Milchprodukte verzichtet. Morgens gab es Maisbrei, Kartoffelpuffer und Obst. Mittags und abends natürlich Dal Bhat, das Nationalgericht Nepals. Es besteht in der Hauptsache aus Linsensuppe, Reis und Gemüse der Saison. Die Beilagen waren unglaublich vielfältig, sowohl von der Art des Gemüses als auch der Gewürze und Aromen. Wir aßen extrem viel und trotz dem unsere Bäuche fast platzten, passte immer noch ein Chapati – ungesäuertes Fladenbrot rein. Viel gesundes Essen, Unmengen an Tee plus Yoga können zu anfänglichen Verstopfungen und späterem Durchfall führen. Das hatte Rajan uns bereits ganz am Anfang mitgeteilt. Da schauten wir uns noch ratlos an. Naja, letztendlich war das eine ziemlich genaue Prognose. Nach der „Erlösung“ fühlten wir uns wie neu geboren. Sowas nennt sich also natürliche Entgiftung 🙂 Besonders schön fanden wir das Mantra, welches vor jedem Essen gemeinsam gesungen wird. Am Ende hatten auch wir es mehr oder weniger drauf und saßen mit geschlossenen Händen vor der Brust vor unserem Essen und sangen gemeinsam mit Rajan und Niru:
„Brahma panam Brahma havir
Brahma agnoa Brahma nahutam
Brahmeva tena gantavyam
Brahma Karma Samadhina
Ohm
Shanti Shanti Shanti
Hari Ohm
Namaste“

Die kleinste Dampfsauna der Welt

An den freien Nachmittagen setzten wir uns meist ins Gras und spielten Karten, zückten unsere Bücher oder legten uns auf die faule Haut. Auf Rajans Empfehlung gönnten wir uns an einem der Nachmittage im nahegelegenen Krankenhaus eine Dampfsauna. Das winzige Krankenhaus sieht eher wie eine leere Holzbaracke aus, aber wirkt authentisch. Ein freundlicher Mitarbeiter empfing uns lächelnd und führte uns in eine kleine Kammer. Dort dampfte es aus einem umgebauten Sekretär. Alex flüsterte mir zu: „Das ist aber nicht die Sauna, oder?“. Ich grinste wissend. Der Mitarbeiter deutete Alex sich frei zu machen und dieser stieg dann in Unterhose in den…zwei Mal darfst du raten…genau…in den dampfenden Sekretär. Wir lachten uns schlapp, aber fanden das Erlebnis trotzdem total entspannend und schwitzten was das Zeug hielt.

Ganz viel Herz

Das allerschönste am Niru Yoga Homestay war das Zusammenleben mit Rajan, seiner Frau Niru, seiner Mutter Komala, seinem Sohn Nitesh und den anderen Familienmitgliedern. Es hat viel Spaß gemacht, die Familie bei ihrem täglichen Tun zu begleiten. Oma Komala kümmerte sich um den Abwasch, Niru kochte mit uns gemeinsam Dal Bhat, Nitesh brachten wir Mau Mau bei und Rajan spielte mit seinen Kindern im Garten. Die ganze Familie hat uns mit offenen Armen empfangen. Alle waren von Anfang bis Ende immer gut gelaunt. Sie standen uns bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite. Am letzten Morgen verabschiedeten wir uns in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehens.

 

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