Reizüberflutung in Kathmandu

Manchmal sind bestimmte Flugrouten unpraktisch und ökologisch ziemlich miserabel. In unserem Fall mussten wir von Mandalay in Myanmar nach Kunming in China fliegen, um am Ende in Kathmandu in Nepal zu landen. Ein Aufenthalt von 15 Stunden in einer chinesischen Millionenstadt, von der die wenigsten Menschen gehört haben, kann ein amüsantes Intermezzo werden.

Willkommen in der Zukunft

Da wir gegen Mitternacht in Kunming gelandet sind und unser Anschlussflug nach Kathmandu erst um 14 Uhr startete, recherchierten wir im Vorfeld, wie wir die Nacht in der chinesischen 7 Millionen Einwohner Stadt verbringen sollten. Eine witzige Option wäre folgende gewesen: in einem Spa direkt im Flughafen eine Massage bekommen und danach dort auf der Liege schlafen. Das machen vor allem die Geschäftsreisenden. Eine kurze Überlegung war es wert, aber ein Hotel in der Nähe des Flughafens war am Ende günstiger. Außerdem mussten wir den Raum nicht mit schnarchenden Chinesen teilen. Wir wurden sogar vom Flughafen abgeholt und konnten somit eine ruhige Nacht verbringen. Erstmal hieß es ein kostenloses Transitvisum zu beantragen. Das geht sehr schnell und einfach. Am Flughafen gibt es nur einen Geldautomaten, der internationale Kreditkarten akzeptiert und diesen mussten wir erstmal finden. Der Hotelbesitzer, der uns am Flughafen empfangen hat, konnte uns hier leider nicht weiterhelfen. Er wusste nicht was wir mit ATM meinten. Glücklicherweise hat er eine Sprachübersetzungs-App auf dem Handy. Ohne diese wären wir mehrfach aufgeschmissen gewesen. Nicht mal das Wort Airport ist im Vokabular der meisten Chinesen enthalten. Sie sprechen Mandarin, Englisch ist hier keine Weltsprache. Am nächsten Morgen staunten wir über die zukunftsorientierte Mentalität der Chinesen. Im Flughafen weisen Roboter den Weg und in einem der Flughafenshops testeten wir Massagegeräte für Nacken, Augen und Kopf.

Achtung, Kuh!

Nach dem super modernen Flughafen in Kunming ist der kleine, alte Flughafen in Kathmandu ein Schock. Unser Hotel Buddha im Norden Thamels, dem touristischen Zentrum Kathmandus, ist empfehlenswert. Stell dich allerdings darauf ein, dass die Angestellten dir verschiedenste Touren andrehen wollen. Das ist in Thamel generell der Fall und ging uns ein wenig auf die Nerven. Auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel merkten wir schnell, dass der Verkehr hier einfach nur verrückt ist. Frei herumlaufende Kühe spazieren seelenruhig durch die Straßen. Aber da sie wie in Indien heilig sind, brauchen sie sich keine Sorgen machen. Der Staub, der durch den Verkehr aufgewirbelt wird und einem den Atem nimmt, ist kaum auszuhalten. Eine Atemmaske ist hier definitiv keineswegs lächerlich sondern wirklich angebracht. In Thamel gibt es unzählige niemals endende Souvenir-, Gewürz- und Klamottenläden. Wer nicht alles Outdoor-Equipment für einen Trek im Himalaya dabei hat, kann sich hier günstig mit Plagiaten von Jack Wolfskin bis The North Face eindecken. Die Gassen sind geschmückt mit den typisch buddhistischen Gebetsfahnen in fünf verschiedenen Farben. Dabei repräsentiert Blau den Himmel, Weiß die Wolken, Rot das Feuer, Gelb die Erde und Grün das Wasser. Am Abend blüht Thamel nochmal mehr auf. Die unzähligen Bars beschallen die Straßen mit lauter Musik.

Gleich am ersten Tag ging es für Alex mal wieder zum Friseur. Wir fragten einen anderen Kunden, wie viel er für einen Haarschnitt zahlte. Er behauptete 100 Rupien, umgerechnet 80 Cent. Wahnsinn! Der Friseur machte alles sehr genau und am Ende fing er an, Alex‘ Gesicht und Nacken zu massieren. Als dann Rücken und Arme folgten, waren wir uns nicht mehr ganz sicher, ob dies Teil des Haareschneidens sein sollte. Am Ende wollte der Gute 1.000 Rupien haben. Wir diskutierten danach mit Händen und Füßen und einigten uns auf 400 Rupien. Was für ein Schlingel! Raus aus Thamel kamen wir zur berühmten Freak Street, die einst das Zuhause vieler ausgewanderter Hippies war. Wir setzten uns auf eine Dachterrasse und probierten die nepalesischen Momos. Typische Teigtaschen gefüllt mit Gemüse oder wenn du magst Fleisch. Diese gibt es in gedämpfter oder gebratener Form, scharf, weniger pikant oder in Sauce eingelegt.

Die Folgen des Erdbebens

Im April 2015 suchte Nepal und vor allem die Gegend um Kathmandu ein schweres Erdbeben heim. Im Zuge dessen ließen 9.000 Nepalesen ihr Leben, es gab über 20.000 Verletzte und 700.000 Gebäude wurden allein in Kathmandu zerstört. Auch heute, drei Jahre nach der tödlichsten Katastrophe in der Geschichte Nepals, werden zahlreiche Gebäude von Metallstangen und Balken gestützt. Teilweise klaffen zwischen den Wohnhäusern riesige Löcher, einst das Zuhause der Einwohner. Der Durbar Square ist der zentrale Punkt der Hauptstadt und wurde fast gänzlich zerstört. Die Tempel und Regierungsgebäude sind eingestürzt und werden noch heute mühselig wieder aufgebaut. Besonders tragisch, der Palast wurde nur 19 Tage vor dem Erdbeben fertig restauriert. Da auf diesem Platz momentan wenig zu sehen ist, lohnt sich der Eintritt von 8€ nicht.

Am Abend trafen wir uns mit meiner Tante, die gerade ebenfalls in Nepal unterwegs war. Ihr und ihrer Reisebekanntschaft konnten wir dann einige Fragen stellen. Sie waren gerade zurück gekommen vom Ghorepani Poon Hill Trek in der Annapurna Gegend. Diese Wanderung stand bei uns noch auf dem Plan. Ein wirklich sehr schöner Zufall, dass wir genau zur gleichen Zeit in Kathmandu waren. Im One Tree Café schmausten wir Currys, Sandwiches, Burger und leckere Brownies und freuten uns über Gesellschaft aus der Heimat. Besonders nett an dem Restaurant, größtenteils arbeiten hier taubstumme Kellner und Kellnerinnen. Diesen Menschen wird somit eine bessere Zukunft geboten.

Wiedersehen in Kathmandu mit Jasmins Tante

Die Einigkeit aller Menschen

Wenn angeboten, nehmen wir in allen Städten dieser Welt sehr gerne an den Free Walking Touren teil. Diese Tradition sollte in Kathmandu selbstverständlich nicht gebrochen werden. Somit machten wir uns an unserem zweiten Tag auf zum Treffpunkt vorm Garden of Dreams. Shiva unser Tourguide führt die Stadttouren schon seit vielen Jahren und bringt unzählige Insider-Tipps mit. In Nepal wird alles im Uhrzeigersinn gemacht, denn andersherum, so heißt es, ereilt dich Unglück. Der Tempel wird im Uhrzeigersinn umlaufen, über einen Marktplatz läufst du von unten links nach oben rechts und auch die Gebetsrollen, die in der Stadt verteilt sind, müssen rechts herum gedreht werden. Die Augen des Buddhas, die sich auf vielen der Tempel und Stupas befinden, zeigen eine Art Nase, die aber eigentlich gar keine ist, sondern eine Eins darstellt. Diese Eins steht als Symbol für die Einigkeit aller Menschen. In Nepal leben vor allem Hindus. Du triffst aber auch auf Buddhisten, einige Christen und Muslime. Es herrscht ein friedliches Miteinander. Die 13 Ringe im oberen Teil der Stupas wiederum stellen die 13 Schritte ins Nirvana, also zur Erleuchtung dar. Ich wollte schon länger wissen, warum die Menschen, vor allem Frauen, auf der Stirn und zwischen den Augen rote Punkte tragen. Dass es irgendwas mit dem Status der Frauen zu tun hat, wussten wir bereits, aber warum tragen Männer diese Punkte ab und an ebenfalls? Shiva war zur Stelle und erklärte, der Punkt oben auf der Stirn am Haaransatz bedeutet, dass die Frau verheiratet ist. Der Punkt auf der Mitte der Stirn zeigt, dass der Mensch am aktuellen Tag bereits im Tempel war – diesen tragen sowohl Männer als auch Frauen. Der Punkt zwischen den Augen wird als schön angesehen und als Accessoire getragen.

Bis zur endgültigen Erlösung

Wie auch in Indien herrscht in Nepal das Kastensystem, welches uns immer wieder erschreckt. Selbstverständlich hatten wir schon häufig davon gehört. Als Shiva uns mehr darüber erzählte, mussten wir schlucken. Diese Lebensart weicht so sehr von der unseren ab, dass wir es kaum fassen können. Die Kastenhierarchie ist fest verknüpft mit dem Hinduismus, welcher in Nepal eine Lebensauffassung darstellt. Die soziale Schichtung ist gottgewollt. Trotz politischem Verbot spielt das Kastensystem im Leben der Nepalesen eine beherrschende Rolle. Erst durch den Tod kann ein Mensch eine Kaste verlassen und in eine neue hinein geboren werden. Traditionell ist die Gesellschaft in vier Kasten eingeteilt:

Brahmanen – Priester und Schriftgelehrte
Kshyatriya – Herrscher und Krieger
Vaishya – Kaufleute und Bauern, die von der Landwirtschaft oder dem Handel leben
Shudra – Arbeiter, der dienenden Kaste

Des Weiteren gibt es Kastenlose, die “Unberührbaren“. Sie bilden die unterste Stufe und verrichten ausschließlich Arbeiten wie Leichen verbrennen oder Straßen reinigen. Shiva zeigte uns Hinterhöfe, winzige versteckte Gässchen und führte uns durch Ecken, die vom Tourismus gänzlich unberührt sind.

Über den Dächern der Stadt

Am Ende der Tour ging es zum sogenannten Monkey Tempel, der seinem Namen alle Ehre macht. Überall hüpfen neugierige und teilweise ganz schön freche Affen herum. Der eigentliche Name des buddhistischen Tempelkomplex‘ ist Swayambhunath. Er ist nur über einige Treppenstufen zu erreichen. In der Mittagshitze setzten wir langsam einen Fuß vor den anderen bis wir endlich die Spitze des Hügels erreichten. Von hier hatten wir eine wunderbare Sicht über die endlos wirkende Stadt. Nepalesische Töne erklangen, die bunten Gebetsfahnen flatterten im Wind und wir zwei wandelten gemeinsam mit Shiva und einem Paar aus Australien zwischen den betenden Gläubigen. Hier endet die Stadttour nach etwa 3-4 Stunden und Shiva erhielt vor dem Abschied noch sein wohl verdientes Trinkgeld.

Aufrüttelnde Rituale

Am späten Nachmittag machten wir uns auf zum hinduistischen Pasupatinath Tempel. In den Haupttempel des Komplexes kommen nur Hindus, wir durften uns das Spektakel nur von außen ansehen. Allerdings dürfen Touristen ebenso wie Einheimische in den Bereich der öffentlichen Verbrennungen. Dieser Anblick ist sicher nicht für Jeden etwas. Auch wir waren überrascht, dass wir das Geschehen aus nächster Nähe beobachten durften. Als wir das Gelände betraten, qualmte es bereits und wir wurden Beobachter einer gerade beginnenden Verbrennungszeremonie. Der Leichnam eines alten Mannes lag auf einer Bambusmatte und wurde mit Tüchern und Blumen abgedeckt. Im sehr dreckigen, jedoch heiligen Bagmati Fluss wurde der Mann gereinigt. Im Hinduismus geht mit der Reinigung des Körpers die Reinigung der Seele einher. Danach wurde der Körper einige Meter weiter auf Holzscheite gelegt und mit Stroh abgedeckt. Die Trauernden liefen mehrfach im Uhrzeigersinn um den leblosen Körper. Danach wurde das Feuer entfacht. Nur eine Stunde später war von dem Mann und den Holzscheiten nichts mehr zu erkennen. Die Asche wird immer wieder in den heiligen Bagmati Fluss gefegt, es zischt und qualmt. Wir saßen am anderen Ufer. Eine Ruhe ergriff uns. Mir standen Tränen in den Augen. Der Tod ist hier nicht wie in der westlichen Welt das Ende, sondern ein Neuanfang. Es ist der Übergang von einer alten in eine neue Existenz. Im Hinduismus ist der Tod im alltäglichen Leben gegenwärtig, nichtsdestotrotz wird getrauert. Wir hörten lautes Weinen und gequältes Schluchzen aus den Reihen der Trauernden. Nicht eingeäschert werden schwangere Frauen, zahnlose Babys, Leprakranke, Menschen, die durch einen Schlangenbiss verstorben sind und Sadhus. Letzte sind Männer, die sich einem religiösen, streng asketischen Leben verschrieben haben. Wenn du die faszinierend aussehenden Sadhus fotografieren möchtest, kannst du das hier tun. Allerdings musst du ihnen dafür eine Spende geben.

Nachdem wir uns die Zeremonie angesehen hatten, schlendern wir in uns gekehrt durch die Tempelanlage und beobachten den wunderschönen Sonnenuntergang. Mit den letzten Sonnenstrahlen gingen auch die letzten Angehörigen des verstorbenen Mannes. Vielleicht war dieser bereits in einem neuen Leben angekommen.

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