Thanaka im Gesicht, Betelnuss im Blut

Wow, Myanmar ist anders. Wir können nicht viele Gemeinsamkeiten mit den bisher von uns bereisten asiatischen Ländern erkennen. Trotz dem wir bei Ankunft in einem neuen Land nicht mehr so aufgeregt sind, wie noch vor einigen Wochen, waren wir sehr neugierig auf dieses eher wenig bereiste Fleckchen Erde. In jedem asiatischen Staat unterscheiden sich die Menschen optisch leicht. In Myanmar gibt es optisch kaum noch Ähnlichkeit mit den Einwohnern Laos‘ und den anderen Ländern Südostasiens. Aufgrund einiger Einwanderungswellen ist hier ein bunter Mix aus Indern, Chinesen und Burmesen entstanden.

Traditionen werden gehegt und gepflegt

Traditionen werden in Myanmar, ehemals Burma sehr groß geschrieben. Frauen und Kinder tragen fast durchweg helle Farbe im Gesicht. Sie nennt sich Thanaka und wird aus Baumrinde gewonnen. Sie schützt nicht nur vor der Sonne, sondern ist ein Symbol von Stil und Tradition. Zu Beginn erschreckten wir uns manchmal über die roten, fast schon schwarzen Zähne der lächelnden Burmesen. Grund hierfür ist das ständige Kauen der Betelnüsse, die mit Tabak gemischt werden und den Speichelfluss anregen und stimulierend wirken. Nach einer Weile Kauen wird eine rote Flüssigkeit ausgespuckt. Die Straßen und Gehwege sind mit roten Flecken gespickt. Da die Betelnüsse den Hunger unterdrücken, sind viele der Burmesen extrem dünn. Leider sind die Nüsse sehr schädlich, besonders in Kombination mit Tabak. Viele Burmesen haben Mundkrebs oder andere schlimme Krankheiten. Was ebenfalls sofort auffällt, sind die langen rockartigen Gewänder, die die Männer hier tragen, diese nennen sich Longyi. Generell solltest du dich als Tourist in Myanmar entsprechend kleiden. Schultern und Knien sollten auch außerhalb der Tempel bedeckt sein, vor allem bei Frauen. Yangon, die ehemalige Hauptstadt des Landes, war unser erster Stopp. Sie empfing uns mit unendlich vielen Gerüchen, Farben und Geräuschen. In den Straßen der Stadt reiht sich ein Marktstand an den Nächsten. Überall wird verkauft, verkauft, verkauft – Gemüse, Obst, Hühner, Eier, Gebäck, Stoffe. Selbst in der Mitte der Straße stehen die Waren. Sobald ein Auto kommt, werden sie kurz weggeräumt und dann emsig zurückgestellt. Die Häuser mit den kleinen Wohnungen sind wenig geräumig und jegliche Straßen wirken hemmungslos vollgestopft. Bei über 5 Millionen Einwohnern verwundert das nicht. Tausende Kabel bahnen sich ihren Weg von Haus zu Haus, Wohnung zu Wohnung und Mast zu Mast – so entsteht ein einziges Wirrwarr an Häusern, Menschen, Kabeln und Gerüchen.

Eine Runde Ringbahn für 12 Cent

Direkt nach der ersten erholsamen Nacht in unserem Hotel 15th Street @ Downtown Yangon machten wir uns auf zu einem der vielen Bahnhöfe und fuhren mit dem sogenannten Circular Train. Die Bahn erinnert an die Ringbahn in Berlin. Hier werden sogar die umliegenden Dörfer angefahren. Ein Ticket kostet umgerechnet 12 Cent. Damit darfst du so weit fahren, wie du magst. Sobald du aussteigst, musst du allerdings beim Zustieg ein neues Ticket lösen. Die Zugfahrt erinnert an Bilder aus Bangladesch und Indien. Beine baumeln aus den Türen des Zuges, am Rande der Gleise liegt unglaublich viel Müll und im Zug werden lauthals verschiedene Snacks an den Mann und die Frau gebracht. Zum Glück waren die Züge zum Zeitpunkt, als wir mitfuhren, relativ leer und wir konnten die Aussicht von der Tür genießen. Die Gerüche waren teilweise nicht so kaum auszuhalten. Nichts für schwache Nerven.

Vorbei an winzigen Dörfchen gespickt von winzigen Hütten stiegen wir nach einer Stunde am Danyinkone Butar Markt aus. Hier kam noch einmal mehr das Gefühl auf, in Indien zu sein. Hunderte Menschen wuselten am Zug entlang und rannten in Scharen auf die Gleise, als dieser wieder abgefahren war. Von oben ist das ein amüsanter Anblick und erinnert an fleißige etwas desorientierte Ameisen. Der Markt ist riesig, scheinbar endlos. Ein Sonnenschirm reiht sich an den Nächsten. Die Gerüche konnten wir kaum aushalten, appetitlich fanden wir das definitiv nicht. Die Wege sind teilweise so matschig, dass wir nicht weiterlaufen konnten. Die Sonne brannte erbarmungslos auf unsere Köpfe. Mit Ausnahme einer Mango ließen wir lieber die Finger von den Lebensmitteln. Hier waren wir weit und breit die einzigen Weißen und wurden neugierig von oben bis unten beäugt. Burmesen scheinen freundlich aber anfänglich reservierter als beispielsweise die Menschen in Indonesien.

Ursprünglich wollten wir die Runde, die insgesamt drei Stunden dauert, zu Ende fahren, aber wir hätten eine Stunde auf den nächsten Zug warten müssen. Also nahmen wir den Zug zurück in die Richtung aus der wir kamen. Dieses Mal fuhren wir bis zum Hauptbahnhof Yangons, der ebenfalls etwas hermacht.

Magische Momente in Myanmar

Der heiligste Ort des Landes und zusätzlich eine der bekanntesten Touristenattraktionen des Landes ist die Shwedagon Pagode. Auf dem Weg dorthin schauten wir uns die nicht weit entfernte Kyaethoon Pagode an. Am Eingang zogen wir uns unsere Gewänder an. Wir durften sie in unserem Hotel kostenlos ausleihen. Alex bekam sofort Unterstützung von zwei burmesischen Jungs. Es ist erstmal gar nicht so einfach, den Longyi richtig zu verknoten. Zum Glück sind die Leute offen und hilfsbereit.

Nach vielen Stufen erreichten wir endlich die Shwedagon Pagode. Der 100m hohe buddhistische Schrein ist komplett mit Blattgold überzogen. Im Gelb der Abendsonne faszinierte uns das Bauwerk mit seinen leuchtenden Farben und den hunderten Türmchen, die rings um die Pagode gebaut wurden. Weiße, goldene und verspiegelte Tempel konkurrieren um den Preis des schönsten Anblicks. Das Gesamtwerk haut letztendlich von den Socken. Eine Sonnenbrille ist hier essentiell, ansonsten läufst du die ganze Zeit mit zugekniffenen Augen durch die Gegend.

Die tiefe religiöse Verwurzelung des Landes ist hier allgegenwärtig stark spürbar. Hunderte betende, auf den Knien sitzende Burmesen und anmutig schreitende Mönche prägen das Bild. Um die Pagode befinden sich kleine Schreine mit den Wochentagen. Wenn ein Burmese beispielsweise am Donnerstag geboren ist, betet dieser am entsprechenden Schrein und begießt den kleinen Buddha mit Wasser. Das soll Glück bringen. Am magischsten ist der Anblick der betenden Mönche in ihren orange leuchtenden Gewändern. Im Rhythmus beugen sie sich weit nach vorne und sprechen synchron ihr Gebet. Wir verweilten längere Zeit bei der Shwedagon Pagode und versuchten jegliche Eindrücke aufzusaugen.

Auf dem Rückweg zum Hotel liefen wir durch den People’s Park, von welchem du bei Nacht einen tollen Blick auf die beleuchtete Pagode und die Brunnen hast. Kurz bevor wir aufbrechen wollten, startete sogar noch ein Springbrunnenkonzert.

Shwedagon Pagode und Brunnenspiel am Abend

Wir schlagen uns die Bäuche voll

In Myanmar gibt es sehr gutes Essen und auch als Vegetarier kommen wir voll auf unsere Kosten. Morgens trauten wir uns sogar an den burmesischen, sehr aromatischen Reis. Er wird mit Kokosraspeln und Sesam bestreut. Im Nourish Café machten wir zwei Mal Stopp. Hier gibt es ausschließlich vegane Speisen und wir erfreuten uns an einer Kombination aus burmesischen und westlichen Elementen. Im Vegetarian Center nicht weit von unserem Hotel kamen wir endlich mal wieder in den Genuss von Seitan. Dieses Fleischersatzprodukt aus Gluten essen wir in Berlin sehr regelmäßig und gerne. Beim Nachtmarkt gibt es haufenweise Leckereien. Wir probierten Frühlingsrollen, Nudeln mit Tofu, Mandelpfannkuchen und Fruchtsäfte. Wenn du Lust hast, kannst du hier aber auch Insekten, Fisch, Krabben, Schwein und Hühnchen probieren. An einem der Verkaufsstände bediente uns ein kleiner burmesischer Junge, der so cool war, dass wir unbedingt ein Selfie mit ihm machen wollten 🙂 In Myanmar ist uns oft aufgefallen, dass Kinder bis in die Nacht arbeiten und ihre Familien unterstützen. Leider macht die Kinderarbeit auch vor harten Aufgaben im Straßenbau nicht Halt.

Kleine Geschichtsstunde

Wie heißt denn das Land jetzt eigentlich – Myanmar, Burma oder Birma? Warum fahren die Autos rechts, obwohl die Lenkräder auf der rechten und nicht auf der linken Seite sind? Und warum ist Yangon zu Deutsch Rangun plötzlich nicht mehr die Hauptstadt?

Um auf all diese Fragen Antworten zu erhalten, schlossen wir uns trotz extrem hohen Temperaturen einer dreistündigen Free Walking Tour an. Myanmar war einst eine britische Kolonie. Yangon ist eine der wenigen Städte in Südostasien, die bis heute einen relativ großen Baubestand aus dieser Zeit bewahrt hat. Sowohl Regierungs- und Verwaltungsgebäude als auch Wohnhäuser, aber auch zahlreiche Kultstätten unterschiedlichster Religionen erinnern an vergangene Tage. Seit 1962 stand das Land unter Militärherrschaft, bis diese am 4. Februar 2011 einen zivilen Präsidenten als Staatsoberhaupt einsetzte. Die offizielle Umbenennung des Landes in „Republik der Union Myanmar“ durch das Militär erfolgte am 18. Juni 1989. So sollte sich Myanmar als selbstbewusster Staat nach außen präsentieren. Aufgrund der Anti-Haltung gegen das Militär nennen viele Aktivisten, Politiker und Zivilisten das Land weiterhin Burma, zu Deutsch Birma. Burma und Myanmar sind eigentlich zwei Varianten derselben Bezeichnung der größten Bevölkerungsgruppe des Landes. Ähnlich verhielt es sich mit dem Verkehr: Um sich endlich vom englischen Kolonialdasein zu verabschieden, wurde 1970 radikal der Rechtsverkehr eingeführt. Bis November 2005 war Yangon die Landeshauptstadt. Danach wurden die Regierungsbehörden in eine neue Hauptstadt namens Naypyidaw verlegt. Es wird gemunkelt, dass die Regierung die Hauptstadt vor allem aus Angst vor Aufständen innerhalb Yangons in einiger Entfernung erbauen ließ. Über zehn Jahre nach der Ernennung zur Hauptstadt Myanmars, gleicht Naypyidaw angeblich immer noch einer Geisterstadt. Wir könnten ewig weitermachen. Die Geschichte des Landes ist unglaublich spannend.

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