Auf ins „echte“ Afrika

Nach einer „Dürreperiode“ von neun Monaten ging es dann endlich wieder in die weite Welt hinaus. Im Oktober 2016 flogen wir nach Kigali, Ruanda. Bisher waren wir beide nur in nördlichen Teilen Afrikas unterwegs und deshalb besonders aufgeregt. Gerade wenn wir Ostafrika hören, denken wir automatisch an das „echte“ Afrika.

Anders als bei meinen und auch unseren gemeinsamen Reisen sonst mussten wir vor der Abreise Einiges planen. Einfach drauf los und schauen, was passiert, geht in Afrika nicht. Wir können es jedenfalls absolut nicht empfehlen. Wir planten die genaue Reiseroute, buchten die Zwischenflüge und suchten uns eine Safari durch das nördliche Tansania aus. Zusätzlich mussten wir im Vorfeld unsere Permits für das Gorilla Trekking in Ruanda besorgen. Eine Reise nach Afrika mit allem drum und dran geht ganz schön ins Geld. Aber wir können nur sagen: jeder Cent ist es absolut wert!

Ruandas traurige Geschichte

Am 1. Oktober landeten wir abends in Kigali an einem ziemlich modernen aber kleinen Flughafen. Mit einem Taxi fuhren wir zum Mamba Club Hotel, wo wir den Rest des Abends bei Essen und Bier chillten. Das Zimmer war sehr einfach, aber solange es ein Moskitonetz gibt, kannst du dich mehr als glücklich schätzen. Am darauf folgenden Tag wollten wir uns erstmal alleine ein Bild von der Stadt machen. Los ging es durch die Straßen nahe unseres Hotels. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten, wunderten wir uns ein wenig. Im Vorfeld hatte man uns gesagt, dass Kigali eine sehr moderne Stadt ist. Irgendwie bekamen wir diesen Eindruck überhaupt nicht. Die Straßen sind teilweise nicht einmal betoniert, sondern bestehen aus einfachen Sandpisten. Mund, Augen und Nase zuhalten, wenn ein großer LKW vorbei fährt, ist hier Pflicht. Die Häuser fallen teilweise auseinander und einen wirklichen Stadtkern scheint es nicht zu geben.

Nach einigen Stunden erreichten wir das Genocide Memorial. Das Museum arbeitet den Völkermord 1994 liebevoll auf. Die umfangreichen Gewalttaten in Ruanda dauerten „nur“ knapp vier Monate an, aber kosteten laut Schätzungen 800.000 bis 1.000.000 Menschen das Leben. In annähernd 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75% der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit. Die Täter kamen aus den Reihen der ruandischen Armee, der Präsidentengarde und der Nationalpolizei. Selbst die Hutu-Zivilbevölkerung beteiligte sich an den schrecklichen Morden. Nachbarn wurden plötzlich zu Feinden und niemandem war mehr zu trauen. Warum dies alles passiert ist? Natürlich gibt es darauf keine legitime Antwort, aber resultiert ist der Genozid aus einem Konflikt zwischen der ruandischen Regierung und der Rebellenbewegung Ruandische Patriotische Front. Das aber Schlimmste an der ganzen Sache ist wohl, dass die Vereinten Nationen einfach zusahen. Ruanda kam keine Hilfe entgegen. Viele Europäer wussten nicht einmal, was in dem Land vor sich ging. Wir begannen den Museumsrundgang mit einem kurzen Film, der mir bereits die Tränen in die Augen trieb. Die Geschichte ist von Beginn bis Ende sehr detailliert beschrieben, sodass man leicht einen Überblick gewinnt. Leider sind auch die Tötungsformen genauestens erklärt und mit grausamen Bildern unterlegt. Falls du Ruanda besuchen solltest, können wir dir diesen nicht ganz einfachen Besuch nur wärmstens ans Herz legen.

Die einzige Kegelbahn des Landes

Um die Laune ein wenig zu heben, suchten wir danach die „Innenstadt“, die wir nach einigen Kilometern erreichten. Die rund 10 Hochhäuser scheinen total fehl am Platz. Die Straßen rund um Shoppingmall und Bürogebäude sind wie leer gefegt. In der Mall selbst spielen Kinder an blinkenden Automaten. Ein paar Läden sind geöffnet, viele sind aber dauerhaft geschlossen. Überwiegend werden Alkohol und ein paar billig aussehende Klamotten verkauft. Viele Nagelstudios gibt es hier. Die Kunden fehlen. Die Regale in den Shops scheinen leer und sehen nach Räumungsverkauf aus. Wieder und wieder wurden wir von neugierigen Augen von oben bis unten inspiziert. In einem relativ westlichen Café tranken wir etwas und wunderten uns über das plötzlich andere Klientel. Warum sind alle Weißen hier? Auf den Straßen waren wir weit und breit die Einzigen. Individualtouristen haben wir in ganz Ruanda an einer Hand abzählen können.

Mit einem Mopedtaxi fuhren wir zurück zu unserem Hotel. Diese klapprigen und teilweise uralten Motorräder fahren extrem rasant und du solltest dich nicht auf die Orientierung der Fahrer verlassen. Die meisten sind Analphabeten und können weder mit Google Maps noch mit Straßenschildern irgendetwas anfangen. Mit der einen Hand klammerten wir uns hinten an einem Griff fest, mit der anderen hielten wir den viel zu großen Helm auf dem Kopf. An diesem Abend spielten wir im Hotel Tischtennis und schauten uns die einzige Kegelbahn des Landes an. Dort steht am hinteren Ende ein Mitarbeiter und stellt die Kegel immer wieder per Hand auf. Wenn du nach Entertainment suchst, bist du in Ruanda an der falschen Adresse. Das einzige Kino des Landes hat bereits nach wenigen Wochen seine Pforten geschlossen und Bars im üblichen Sinne sind nicht anzufinden. Wir verlebten trotzdem einen lustigen Abend und mussten all die neuen Eindrücke erstmal verarbeiten.

Zwischen Armut und Fortschritt

Am nächsten Tag machten wir bei der Nyamirambo Walking Tour mit. Nyamirambo ist eines der ältesten Stadtviertel Kigalis. Hier ist die Geschichte des winzigen afrikanischen Landes lebendig. Während der Tour erfuhren wir unglaublich viel über das Land und seine Menschen. Wir besuchten eine Schneiderei, die den Frauen hier Arbeit bietet. Darauf ging es in eine kleine Bücherei, die sich mit den Kindern beschäftigt, die nachmittags auf den Straßen herumlungern. In einem Friseursalon ließ ich mir indisches Haar in meine eigenen flechten. Diese Rastas sind in ganz Afrika weit verbreitet. In Nyamirambo gibt es eine große Moschee und viel mehr Muslime als sonst irgendwo in dem Land. Auf den staubigen Straßen sahen wir Kinder Fußball spielen. Vor den kleinen Läden stehen niedrige Öfen aus Ton, auf denen die Ruander Gemüse und Getreide kochen. Menschen schleppen ihre Kanister zu den wenigen Wasserstellen. Frauen fegen den Sandweg mit selbst gemachten Besen und befreien die Straßen von jeglichem Müll. Plastiktüten worden bereits vor Jahren aus Ruanda verbannt und sind strengstens verboten. Da ist das Land Deutschland um einiges voraus.

Am Ende unserer Tour aßen wir bei einer sympathischen Frau, die für uns alle gekocht hatte. So hilft der Touranbieter auch ihr, sich mit einem kleinen Obolus sich über Wasser zu halten. Sie empfing uns herzlich. Wir zogen Schuhe und Socken aus. Wir nahmen auf den bunt zusammen gestreuten Sofas in ihrem kleinen Wohnzimmer Platz. Bis auf einen Tisch und diese Sofas ist das Zimmer leer. Natürlich gibt es einen Röhrenfernseher. Trotz dem die Gastgeberin kein Wort Englisch spricht, kommunizierten wir durch Mimik und Gestik. Das Essen war köstlich und wir konnten gar nicht genug davon bekommen. Typisch für Ruanda sind Reis, Kochbananen, Bohnen und gekochtes Gemüse mit Maniok in einer würzigen Soße. Fleisch ist hier eher rar. Beim Abschied bedankten wir uns unzählige Male bei unserer netten Gastgeberin.

Zu Besuch bei den sanften Riesen

Am darauffolgenden Tag ging es mit dem Bus nach Musanze. Am Vortag hatten wir in Kigali unsere gedruckten Permits abgeholt und waren bereit für eines der wohl einzigartigsten Erlebnisse – das Gorilla Trekking. Erstmal mussten wir uns auf dem chaotischen Busbahnhof zurecht finden, den richtigen Bus suchen, ewig warten bis dieser bis zum Anschlag voll war und dann eine extrem rasante Fahrt überleben. In Musanze liefen wir zu unserem Hostel. Letztendlich handelt es sich um eine Erweiterung eines privaten Wohnhauses. Da wir in Afrika waren, störte es uns nicht, dass es schmuddelig war und komisch roch. Aber um ganz ehrlich zu sein, fühlten wir uns sehr unwohl. Im Urumuli Restaurant direkt gegenüber aßen wir abends Ziegenfleischspieße mit Reis. Die kleine Stadt hat wenig zu bieten. Touristen kommen hier meist in geführten Gruppentouren an und übernachten dann in nahegelegenen Resorts, abgeschottet vom Leben in Afrika. Dementsprechend lief uns auch hier kein Weißer über den Weg.

Am nächsten Morgen ging es vor 6 Uhr los Richtung Virunga-Gebirge. Dort leben heute etwa 500 Berggorillas. Das ist mehr als die Hälfte der gesamten Population. Empfangen wurden wir von jenen Touristen, die sich in ihren Resorts „versteckt“ hatten. Etwa 60 – 80 Personen dürfen pro Tag in das Vulkangebirge aufbrechen. Diese werden auf zehn Gruppen aufgeteilt. Ältere oder nicht ganz so fitte Menschen kommen in die Gruppe, die zur am nächsten gelegenen Gorillafamilie wandert. Dabei stoßen diese Gruppen oft schon nach nur 45 Minuten Fußmarsch auf die ersten Gorillas. Allerdings sind viele der Gorillafamilien weiter oben auf dem Vulkan wesentlich größer. Wir wurden aufgrund unserer körperlichen Fitness in die Gruppe mit dem längsten Fußmarsch gesteckt. Bevor es losging, tanzten einige Einheimische für uns. Alex durfte sogar eine Runde mit ihnen trommeln. Bei Tee und Snacks kannst du dich vor der langen Tour stärken. Mit einem Bus wurden wir zum Startpunkt kutschiert.

Mit unserem Guide Pablo, einigen Portern, fünf weiteren Reisenden und ein paar bewaffneten Militärs ging es los über offenes Feld. Nach einem ordentlichen Aufstieg ging es weiter in den Regenwald hinauf auf den Vulkan. Lange Klamotten, festes Schuhwerk und Handschuhe sind absolut von Nöten. Immer wieder sticht und piekst es an den Händen und ständig blieben wir an irgendwelchen brennenden Pflanzen hängen. Nach drei Stunden wäre ich am liebsten umgekehrt. Der Aufstieg ist hart, es ist feucht aber trotzdem kühl und die Luft wird langsam dünner. Immer wieder stoppten wir, um einen Snack und Wasser zu uns zu nehmen. Nach 3,5 Stunden waren wir unserem Ziel sehr nahe, denn unsere bewaffneten Begleiter sprachen durch Walkie Talkies miteinander und gingen in Position. Noch ein paar Schritte und da waren sie – majestätische Gorillas. Direkt vor uns. Der Silberrücken, faul auf dem Bauch liegend, würdigte uns keines Blickes. Eine Mama mit frisch geborenem Baby schaute uns argwöhnisch an. Etwa zwei Meter vor unseren Füßen spielten zwei Gorilla Kinder miteinander und schlugen Purzelbäume. Unglaublich! Wir hätten nie gedacht, dass wir den Lebewesen so nahe kommen würden. Die Interaktion zwischen den Tieren ist faszinierend. Der anstrengende Fußmarsch war sofort vergessen. Etwa eine Stunde verbrachten wir bei den Gorillas. Genug Zeit, um Fotos und Videos zu machen. Allerdings doch zu wenig Zeit. Wir hätten stundenlang dort stehen können. Die gesamte Zeit hatten wir ein breites Grinsen auf den Lippen. Selbst die zwei Stunden ruckelige Rückweg verbrachten wir in Glückseligkeit. Dieses Erlebnis ist einzigartig und du wirst es niemals vergessen! Du denkst, diese Tour schadet den Tieren? Du möchtest selbst ein solches Trekking mitmachen? Diese Seite ist für erste Infos gut geeignet: http://www.gorilla-trekking-ruanda.de/. Wir waren 2016 dort. Mittlerweile ist das Gorilla Trekking noch viel teurer geworden als damals.

Good Bye Lullaby…

Noch am selben Tag fuhren wir mit dem Bus zurück nach Kigali. Wir beteten bereits, denn es regnete und war neblig. Der Busfahrer konnte etwa 2m gucken und raste trotzdem über die Serpentinen. Wir hatten Glück und überlebten. Die letzte Nacht verbrachten wir im „Discover Rwanda Youth Hostel“, wo wir ein Dorm mit einer Engländerin und ein paar Fußballern aus Ghana und der Elfenbeinküste teilten. An unserem letzten Tag in Ruanda gingen wir zum Kimironko Markt, wo wir einige Souvenirs kauften. Der Markt lässt von Lebensmitteln über Klamotten bis hin zu Handys keine Wünsche offen. Mit Taxi ging es abends zum Flughafen und dann auf Richtung Arusha in Tansania.

Murakoze Ruanda!

Kigali10

 

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