Reiserückblick in Venezuela

Es waren also mehrere Monate vergangen und ich stand vor den letzten 12 Tagen in Südamerika, die ich gemeinsam mit Edel in Venezuela verbringen wollte. Bisher wurde ich weder auf der Straße noch im Hostel beklaut, niemand hat mich angegriffen oder mir gedroht. Bis auf ein paar wenige unangenehme Blicke war alles reibungslos verlaufen. Und nun standen wir da an der Grenze, machten unsere ersten Schritte auf venezolanischem Boden und wussten nicht, wie wir weiter nach Caracas kommen sollten. Der nette Kolumbianer, der uns bereits Geld geliehen hatte, stand ebenfalls dort und wusste nicht so recht weiter. Wir unterhielten uns eine Weile, bis ein Typ zu uns kam und fragte, ob wir ein Taxi nach Maracaibo suchten. Der Kolumbianer nickte und wir liefen etwas skeptisch hinter den beiden her. Wie sich rausstellte, ist Maracaibo die nächstgelegene Stadt und von dort ist es einfach, einen Bus nach Caracas zu bekommen. Wir stiegen also ein in der Hoffnung, der Kolumbianer würde uns sicher zu einem Bus geleiten. Das Auto war ein alter Amischlitten, der seine besten Tage lange hinter sich gelassen hatte. Es gab statt vier nur zwei Türen und auch von den Gurten war weit und breit keine Spur. Auf der Sandpiste sprangen wir auf und ab und hielten uns teilweise aneinander fest, um in den Kurven nicht aus dem Wagen zu fallen. Der Fahrer und der Kolumbianer fingen an, Bier zu trinken. Edel und ich schauten uns etwas ängstlich an, während ich innerlich kleine Stoßgebete in den Himmel sendete. Alle 20 Minuten wurden wir von einer Horde Polizisten angehalten, die sich neugierig unsere Reisepässe anschauten. Touristen waren anscheinend wirklich eine absolute Seltenheit. Nach geschlagenen vier Stunden kamen wir endlich in Maracaibo an und der Taxifahrer setzte uns direkt am Busbahnhof ab. Wir zahlten für die vier Stunden Fahrt 5€ pro Person.

Alle guten Dinge sind drei

Zum Glück schnappten wir noch einen Nachtbus nach Caracas, der uns innerhalb von 6-7 Stunden dorthin bringen sollte. Wir freuten uns nach diesem anstrengenden Reisetag auf ein bisschen Ruhe. Der Bus war überfüllt mit Einheimischen und deren Hab und Gut (inklusive Hühnern), es war heiß und der Busfahrer drehte die Musik auf, um selbst wach zu bleiben. Nachdem wir uns darüber aufgeregt hatten, resignierten wir und fanden uns damit ab, in dieser Nacht keinen Schlaf zu bekommen. Früh morgens kamen wir in Caracas an. Bereits in Kolumbien hatten wir recherchiert und herausgefunden, dass es keine touristische Infrastruktur in Venezuela gibt. Nur ein Mann, der ein Ein-Mann-Reisebüro führt, sitzt in Caracas und zu diesem Office fuhren wir mit dem Taxi. Es war zu! Wir warteten 30 Minuten und entschieden uns, erstmal frühstücken zu gehen…seit über 18 Stunden hatten wir nichts zu uns genommen. Die Menschen schauten uns überall neugierig an, wir sahen wirklich keine anderen „weißen“ Menschen und doch waren alle herzlich und sehr freundlich gegenüber uns. Angst hatten wir keine. Zurück beim Reisebüro hatten wir mehr Glück. Wir buchten die kompletten 12 Tage inklusive, Fahrten, Übernachtungen, Flüge, etc. Es war komisch zu wissen, dass man plötzlich auf Andere angewiesen war und nicht mehr das typische Backpacker-Leben auskosten konnte.

Nach zwei Tagen in Caracas, die wir mit Herumschlendern verbrachten, ging es mit einem Taxi nach Ciudad Bolivar in unser nettes Hotel „La Cumbre“. Am nächsten Morgen wurden wir erneut abgeholt und flogen mit einer kleinen Propellermaschine in den Canaima Nationalpark. Eine Gruppe von Touristen fand sich dort ein, aß gemeinsam zu Mittag, bevor es losging zu den Sapo Falls. Wo waren diese Touristen denn vorher alle? Kamen sie direkt hier her geflogen? Es stellte sich heraus, dass fast alle direkt aus ihren Heimatländer kamen und die Tage in Venezuela mit einer Reisegruppe umher reisten. Manche erklärten uns nach unseren Erzählungen für lebensmüde. Ich würde es eher als abenteuerlustig und leicht naiv bezeichnen. Sapo Falls sind mächtige ohrenbetäubende Wasserfälle, die mit voller Wucht über eine Klippe stürzen. Wir liefen sowohl unter ihnen hindurch, als auch auf der Klippe entlang. Und weil alle guten Dinge drei sind, rutschte ich aus und landete nach kurzem Balance-Akt auf meinem Hinterteil. Nachdem ich in Rio beim Rennen und in Ecuador beim Mountainbiking, bereits gefallen war, musste ich trotz Kratzern nur lachen. Aber das hätte auch anders enden können…ich möchte nicht drüber nachdenken. In der Nacht konnten Edel und ich schlecht schlafen, da es heiß und laut war in unserem kleinen Cabaña. Am nächsten Morgen fühlte ich mich selbst nach dem Frühstück sehr schlapp und kränklich.

 

Der höchste Wasserfall der Welt

Vier Stunden lang fuhren wir mit einem Boot Richtung Angel Falls, der Hauptattraktion Venezuelas. Vier Stunden prasselte die Sonne auf uns nieder. Vier Stunden in denen ich mich von Minute zu Minute schlechter fühlte. Danach mussten wir durch dichten Wald über Felsen klettern, um zu unserem Ziel zu gelangen. Mein Blutdruck lag gefühlt bei null und ich setzte mich auf einen der Felsen. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn man mich zurück gelassen hätte, doch einer unserer Guides zauberte mir aus Zucker und Limetten einen Drink, der tatsächlich Wunder wirkte. Durch ihn schaffte ich es, meine letzten Kräfte zu sammeln und triumphierte, nachdem ich die Angel Falls zwei Stunden später vor mir sah. Wir hatten es geschafft, ICH hatte es geschafft! 🙂

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Auf dem Rückweg begann es stark zu regnen…ich fand das wunderbar und fühlte mich frisch und munter. Wir schliefen die Nacht auf Hängematten in der Nähe des Wasserfalls und man glaubt es kaum – ich konnte tatsächlich einige Stunden schlafen. Unsere Guides waren beide zwei sehr tolle Menschen, die ich sofort ins Herz schloss. Hier sieht man Edel und mich mit einem der beiden kurz vor unserer Abreise aus dem Canaima Nationalpark.

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Himmel und Hölle auf Erden

Zurück in Ciudad Bolivar nahmen wir direkt ein weiteres Flugzeug, um die Inselgruppe Los Roques zu entdecken. Die Maschine war mit etwa sechs Passagieren noch kleiner als das vorherige. Los Roques ist ein Archipel, der ungefähr 170km nördlich von Caracas im Karibischen Meer liegt und ein Paradies auf Erden ist. Nach etwa 45 Minuten kamen wir auf einer kleinen Asphaltpiste auf der einzig bewohnten Insel Gran Roque an. Sie ist mit 182,2 Hektar Fläche die flächenmäßig fünftgrößte Insel und beheimatet knapp 1.500 Einwohner. Das Paradies ist Himmel und Hölle zugleich! Wunderschöner weißer Sandstrand, braungebrannte herzliche Menschen und frischer Fisch stehen im Gegensatz zu Temperaturen (35 – 40 Grad), die uns in die Verzweiflung trieben und Mücken, die vor allem Edel das Leben schwer machten. Selbst im Schatten konnte man beobachten, wie sich die Haut trotz LSF 60 rot verfärbte. In unserer kleinen Unterkunft „El Botuto“ freundeten wir uns mit Greg (Kanada), Francisco (Chile) und den Besitzern an. Gemeinsam saßen wir abends auf der Veranda und tranken Rotwein. Ich fühlte mich dort sehr wohl, aber muss dazu sagen, dass die Räume (wie wahrscheinlich überall auf der Insel) sehr einfach gestaltet sind – es gibt keine Klimaanlage, die Mosquitonetze sind teilweise mit Löchern übersät und die Duschen befinden sich direkt am Zimmer im Freien. Nachts schwitzte wir, während wir immer wieder auf Mückenjagd in unseren Betten gingen. Das Mosquitonetz klebte am schweißnassen Körper fest.

 

Fünf Jahre später muss ich schmunzeln, aber irgendwie bleiben doch nur die positiven Erinnerungen – die tollsten Sonnenuntergänge, die bunten Fische beim Schnorcheln auf einer kleinen Sandbank der Insel Caya de Agua und die niedlichen Schildkröten.

 

Die Tage verbrachten wir im Wasser, auf der Hängematte und mit einem eiskalten Eistee in der Hand. Es waren die perfekten vier Tage (vollkommen ausreichend!), um meine Reise Revue passieren zu lassen. Am letzten Abend liefen wir zu einem Leuchtturm, der einsam auf einem Hügel über dem Meer steht. Als mein Blick über das unendlich scheinende Meer schweifte, dachte ich an meine herzlichen Gastgeber in Rio, die bunten Häuser in Valparaiso (Chile), mein Lieblingsland Bolivien, eine unvergessliche Wanderung zum Machu Picchu (Peru), die Abenteuer im Dschungel Ecuadors und die wunderschönen Kolonialbauten in Kolumbien. Doch vor allem musste ich an die vielen Menschen aus aller Welt denken, die ich auf meiner Reise kennengelernt habe. Jeder einzelne von ihnen besonders und einzigartig.

 

Nach der Reise ist vor der Reise

An unserem letzten Tag im Paradies tranken wir am Morgen ein kühles Bier und schwelgten in Erinnerungen…irgendwie schienen Erlebnisse, die gerade mal vier Wochen her waren, unendlich weit entfernt. In Caracas verabschiedete ich Edel (unter Tränen) am Flughafen und fuhr mit „meinem Fahrer“ zum Hotel, in dem ich eine letzte Nacht in Südamerika verbringen würde. Diese Nacht schlief ich tief und fest und träumte von Bergen, Meeren, Wäldern und Stränden…

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